Da zu diesem Buche noch niemand eine Empfehlung verfasst hat, will ich's tun, handelt es sich doch um eines der schönsten Werke der deutschen Literatur. Dabei scheint das, was hier erzählt wird, kaum der Rede wert: Ein wohlhabender Bürger einer deutschen Provinzstadt stirbt und hinterlässt sein Vermögen zur Überraschung und zum Ärger der anderen möglichen Erben einem jungen, weltfremden Poeten, den niemand auf der Rechnung hatte. Allerdings kann, aufgrund einer eigens eingefügten Klausel, der so Bedachte das Erbe erst antreten, wenn er verschiedene Aufgaben erfüllt, Berufe ausgeübt und Erfahrungen gemacht hat. Diesem Plot entsprechend besitzt der Roman eine episodischen Charakter: der junge Walt verliebt sich, trifft seinen verschollenen Bruder wieder, lernt ein wenig die Welt kennen und '. dann hört der Roman plötzlich auf, denn Jean Paul hat ihn nicht vollendet. Doch WIE hier erzählt wird, ist so schön, dass man es kaum beschreiben kann. Jean Paul hat in den 'Flegeljahren' die tropisch wuchernde Metaphorik seiner früheren Werke ein wenig zurückgestutzt, seine Charaktere sind realistischer geworden und sein spezifischer Humor erscheint allgegenwärtig. Dieser Roman spielt ' anders als 'Titan', 'Hesperus' und 'Die unsichtbare Loge', ähnlich wie 'Siebenkäs' - nicht mehr vornehmlich in Schlössern und Parks, sondern in der sozialen Wirklichkeit einer Kleinstadt im zersplitterten, rückständigen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Die Naturbeschreibungen sind nach wie vor so berauschend, wie nur Jean Paul sie gestalten kann. Kurz: Das Buch hat alle Stärken Jean Pauls ohne seine Schwächen. Wenn man sich einmal in die ' für einen Leser des 21. Jahrhunderts allerdings gewöhnungsbedürftige ' Sprache eingelesen hat, wird man reich belohnt.