Endlich hat der Heyne-Verlag Robert J. Sawyer entdeckt. Das weckt Hoffnung auf weitere Übersetzungen dieses interessanten kanadischen Autors.
Im Jahr 2009 wird der weltweit größte Teilchenbeschleunigerring im schweizerischen Forschungszentrum Cern in Betrieb genommen. Dort schießt man Bleiatomkerne aufeinander, um das so genannte Higgs-Boson nachzuweisen. Dabei werden punktuell ungeheure Energiemengen freigesetzt, und eine Situation, wie sie wenige Sekundenbruchteile nach dem Urknall vorherrschte, simuliert. Aber das Experiment schlägt fehl und etwas ganz anderes passiert stattdessen. Jeder Mensch auf der Erde verliert für gut zwei Minuten das Bewusstsein und nimmt wahr, was er oder sie in der gleichen Zeitspanne am 23. Oktober 2030 tun wird. Manche schlafen dann, erleben aber wenigstens eine Zeit der Dunkelheit. Wer jedoch noch nicht einmal das Verstreichen der Zeit wahrgenommen hat, wird dann wohl schon tot sein.
Der Roman besteht aus drei Teilen. Davon spielt der erste während der unmittelbaren Zeit nach dem Ereignis. Nach einer kurzen Lesebremse mit ausufernden Beschreibungen technischer Details im Cern steht das Ereignis selbst sowie das Katastrophengeschehen im Vordergrund, das durch die kurze weltweite Ohnmacht hervorgerufen wurde: verunglückte Autos, abgestürzte Flugzeuge, missglückte Operationen etc. Dabei kommt richtig Spannung auf. Auch der zweite Teil ist noch interessant. Darin geht es um die Frage, ob die Zukunft unabänderlich ist oder nicht. Ist die Raumzeit ein so genannter "Minkowski-Würfel" (Das Konzept wird im Roman gut erklärt. Hier würde es zu weit führen), in dem auch die Zukunft schon heute unabänderlich festgeschrieben ist? Oder trifft das Ebenezer-Scrooge-Theorem zu? Letzteres besagt, dass man sein Leben wie jener unerbittliche Geizhalz "Scrooge" aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ändern kann. Nachdem diese Frage geklärt ist, flacht der Roman merklich ab. Die actiongeladene Kriminalhandlung im dritten Teil, bei der eine der Hauptpersonen versucht, die eigene künftige Ermordung zu verhindern, ist eher langweilig. Ganz am Ende folgt noch ein wenig ganz schlechte Science Fiction, auf die Sawyer lieber verzichtet hätte. Hier ist das Buch definitiv am schwächsten.
Der Roman wurde buchstäblich auf den letzten Drücker übersetzt, denn die Handlung setzt im Jahr 2009 ein. Spätestens übernächstes Jahr wäre das Buch also ein Parallelweltroman und keine originäre Science Fiction mehr gewesen. Das Original wurde vor neun Jahren geschrieben. Wenigstens konnte der Übersetzer einige Aktualisierungen vornehmen und beispielsweise den aktuellen Papst Benedikt benennen. Dass das Cern mittlerweile 20 statt 19 Mitgliedstaaten hat, ist ihm leider entgangen. Auch die Rückübersetzung des schweizer Reformators "John" zu Johannes Calvin wäre wünschenswert gewesen. Wenn man jedoch berücksichtigt, unter welchen miserablen Bedingungen Übersetzer heutzutage leiden (schlechte Bezahlung, enormer Zeitdruck), dann hat er alles in allem gute Arbeit geleistet.
Was Robert J. Sawyer selbst am besten kann, ist Menschen sowie ihre Gedanken und Beweggründe zu beschreiben. Aber sobald er technischen Details oder etwa Landschaften zuviel Raum gibt, wird er langweilig. Dann fühlt man rasch sich an die Lektüre von Benutzerhandbüchern oder Reiseführern erinnert. Das sind - wie schon gesagt - ziemliche Lesebremsen. Am besten kann Sawyer die Innenperspektive von Menschen beschreiben. Darauf sollte er sich konzentrieren. Empfohlen sei bei dieser Gelegenheit das Buch "Die dritte Simulation", erschienen bei Goldmann. Da ist er richtig gut.