"Flashpoint" ist das offizielle Tondokument der Rolling Stones zu ihrer '89/'90er Steel Wheels-/Urban Jungle-Tour und gleichzeitig die letzte Stones-Platte, auf der Bill Wyman mitspielt. Die CD enthält mit Rock and a hard Place und Can't be seen gegenüber der LP zwei Bonustracks. (Am Ende von Ruby Tuesday hat man als kleinen Gruß die Frau eingeblendet, die auf "Get yer Ya-Ya's out!" der Band zuruft: "Paint it black... paint it black, you devils...!") Die Original-CD von '91 (CBS) und das Remaster von 2009 enthalten die Album-Version von Sex Drive, das Virgin-Remaster von '98 dagegen die Single-Version.
Keith Richards hat mal gesagt, für ein Live-Album seien die Stones genauso lange im Studio wie für ein Studio-Album, und diese CD belegt diese Aussage exemplarisch. Zu deutlich ist ihr anzuhören, dass etliche Gitarrenspuren (die hier oft kalt und glatt klingen) und vor allem der Gesang im Studio nachträglich neu eingespielt bzw. eingesungen wurden, zu künstlich wird der Applaus an strategisch günstigen Punkten hochgefahren. Alles in allem klingt diese Platte fast klinisch sauber, bekanntlich der Tod einer Live-Aufnahme. Dabei kommt die Erleichterung über die gelungene Wiedervereinigung nach ein paar Jahren des Zweifels, ob die Stones die Achtziger überhaupt überleben würden, in der Spielfreude der Songs ganz klar durch - nur eben nicht in der Produktion. (Dass etliche Titel in der Laufzeit offensichtlich gekürzt sind, wie der Vergleich mit Bootlegs zeigt, hat der CD allerdings nur gut getan.)
Dies war die Tournee, für die die Stones endlich mal richtig proben mussten (Schlüsse und so), was daran lag, dass sie zum ersten Mal - wie zeitgleich auch z.B. die Who - mit so vielen Begleitmusikern auf die Bühne gingen, dass es gar nicht anders ging: 2 Keyboarder, 3 Backgroundsänger und 5 Bläser (darunter erstmals seit "Emotional Rescue" wieder Bobby Keys!). Für mich setzte diese Tournee auch die Blaupause für alles, was in der Stones-Karriere danach kam: wir bringen nur noch alle paar Jahre ein Studio-Album raus und sahnen dafür live so richtig ab! Es sei ihnen gegönnt.
Miss you ist mir persönlich zu schnell und gefühllos gespielt. 7 Titel erschienen zum ersten Mal in offiziellen Live-Versionen, wobei man so tief wie nie zuvor in die eigene Oldies-Kiste griff: zweifellos schön sind die Erstaufführungen von Factory Girl, Ruby Tuesday und Paint it black! Des weiteren glänzt Satisfaction durch ein tolles Zwischenspiel, in dem Jagger die Bläsereinsätze anzählt und erhöht. Von Little red Rooster gibt es eine Spitzenversion mit Eric Clapton. Und doch will beim Anhören kein Konzertfeeling aufkommen, dafür ist die Songauswahl viel zu zerpflückt, willkürlich und zusammenhanglos.
Wie es damals Mode wurde, hat man mit Highwire und Sex Drive zwei Studiotitel angefügt, die ich für sich genommen wirklich stark finde. Nur wurde dafür der Fluß des Konzerterlebnisses noch mehr eingeschränkt. Ich warte immer noch auf eine Stones-Doppel-CD, die einen repräsentativen Querschnitt durch alle wichtigen und interessanten Songs der jeweils aktuellen Tournee-Setliste widergibt. Das seinerzeit vorübergehend legale Bootleg "Atlantic City" (passt auf 2 CDs) von derselben Tournee stellt die Konzertaufnahme dar, die "Flashpoint" hätte sein können und müssen: ein komplettes Konzert in toller Stadionatmosphäre mit dauerpräsentem Publikum, unverfälschte Live-Versionen (inklusive kleiner Schnitzer) und eine geile Setliste mit tollen Gaststars wie Axl Rose & Izzy Stradlin, John Lee Hooker und Eric Clapton... ich werde nie verstehen, warum die Stones sowas nicht mal offiziell rausbringen. So bleibt "Flashpoint" ein nettes "Tour-& Studio"-Dokument; Begeisterung für die "greatest Rock'n'Roll band in the world" löst sie bei mir nicht aus.
P.S. Über diverse Vinyl-Singles und Maxi-CDs verstreut waren noch Live-Versionen von I just want to make Love to you (s. "Rarities 1971-2003"), Play with Fire, 2000 Light Years from Home, Harlem Shuffle und Undercover of the Night zu finden, die sich allesamt lohnen. Auf der Highwire-Maxi hört man, wie Jagger den Song einzählt.