Ehrlich gesagt, während ich das Buch zum ersten Mal las, dachte ich zwischendurch manchmal: jetzt übertreibt er aber schon ein bisschen, das ist wohl keiner seiner besten Romane. Wenn man es ganz zuende gelesen hat, denkt man jedoch anders; im Ganzen gesehen erhalten dann auch die absurdesten Geschehnisse unterwegs ihre ganz zwingende Berechtigung. Nach dem ersten Durchlesen war ich bereit, dieses Werk sogar noch über die "Zwei Vögel beim Schwimmen" zu stellen, O'Briens anderen Großroman, und es auch sofort noch ein zweites Mal zu lesen. Es ein zweites Mal zu lesen ist unbedingt reizvoll, denn man sieht es dann mit anderen Augen. Der Dritte Polizist ist nicht ganz so erzählerisch ausschweifend wie "Zwei Vögel", ist aber kaum leichter verdaulich, weil er nicht ganz so spielerisch ist, und auf kompromisslosere Weise phantastisch. OBrien hat den Dritten Polizisten Zeit Lebens übrigens nicht publizieren können (vielleicht habens die Lektoren nie zuende gelesen !!), daher hat er ca. ein halbes Kapitel mit einer besonders köstlichen Passage (die "Molekül-Theorie") in seinem Roman "Aus Dalkeys Archiven" wörtlich übernommen. Der Kontext ist dort ein völlig anderer, aber es passt hier wie da; es ist eh völlig abgefahren :-)
Das alles soll aber nicht abschreckend klingen, sondern meint, dass der Dritte Polizist neben "Zwei Vögel" OBriens bedeutendster Roman ist, wogegen die übrigen sichtlich abfallen. Anstrengend ist an den Büchern nur, dass so viele gute Einfälle drinstecken.
Ich werde den Teufel tun und verraten worum es in diesem Buch eigentlich geht, das muss der Leser hier gerade herausfinden. Aber bemerkenswert ist dieser Roman, weil er viele Ebenen vereint: zum einen die Autobiographie eines Pseudo-Philosophen - ein ausschweifender Fußnotenapparat führt in seine Pseudowissenschaft ein und lässt eine Art Wissenschafts-Parodie mitlaufen (fast wie bei Sterne's Tristram Shandy der Slawkenbergius, allerdings ohne Latein); gleichzeitig enthält er auch eine Kriminalgeschichte, eine moralisch-metaphysische Dimension, und an der Oberfläche vor allem: eine bizarre, absurde Phantasmagorie, dass einem schwindlig wird. Die meiste Zeit weiß man wirklich nicht, was diese seltsamen Leute wirklich wollen, die hier auftreten, sie sind alle schrullig bis komisch, aber es haftet ihnen etwas zutiefst unerklärliches an. Und auf diese Weise entsteht hier eine rätselhafte ambivalente Stimmung: es ist zum Lachen aber auch zugleich unheimlich. Der wirklich geschmeidige und hintergründige Prosastil, in dem der Autor all das serviert, ist wesentlich mit verantwortlich für diesen Effekt (gute Übersetzung, das also auch).
Leser, die den Stil und Humor Flann O'Briens anderswoher schon schätzen, werden all dieses hier in einer vertieften Version finden; Leser, die neu in der Gegend sind, werden vielleicht erst mal dem Autor etwas Kredit geben müssen, aber wenn man beim Lesen eine gewisse wohltuende Verwirrung nicht fürchtet, wird man reich belohnt!