Ein Junge scheitert, weil er zugleich er selbst und sein ungeborener Zwilling ist. Ein blindes Mädchen weigert sich, nicht sehen zu können. Ihre beste Freundin will gebraucht sein und weigert sich, anzuerkennen, dass Anja sieht. Zwei Schwestern sehnen sich nach ihrer Mutter und sprechen statt dessen vom Schwarzen Meer. Einer Dame wächst ein drittes Auge auf der Stirn. Was soll sie nur tun?
Ulrike Almut Sandig eröffnet ihr Prosadebüt in der abstrakten verwirrenden Gedankenwelt einer alten Erzählerin, die begriffen hat, dass die meisten Leben unbedeutend sind und trotzdem von Geschichten zusammengehalten werden. Ein alter Hut, denkt man anfangs. Dann tritt der Junge mit den zwei Stimmen und den zwei unterschiedlich gefärbten Augen auf. Auch nicht gerade ein neuer Einfall. Der Symbolismus der Geschichte sorgt für eine gehörige Distanz. Diesem Jungen kommt man nicht nah. Schade, denkt man, viel zu unsinnlich! Und irgendwie zu abstrakt. Und plötzlich findet man sich auf Seite 85 wieder, mitten in der Titelgeschichte. Wie ist man so schnell dorthin gekommen? Ganz dicht bei den Figuren steht Sandig nun und sieht ihnen genau zu, hört genau zu,was sie sagen. In Bildern verpackt sie, was die Figuren einander nicht sagen können, was sie meistens keine Zeit mehr haben, einander zu sagen, weil einer zu früh aus dem Leben tritt. Das sind ausgerechnet die wichtigen Dinge, dass einer einen anderen bewundert, liebt, vermisst, vertraut, braucht.
Sandig lässt Freiräume und erzählt zugleich ohne Pathos, dabei mit viel Einfühlungsvermögen, Geschichten aus dem Alltag, die manchmal genau so passiert sein könnten, manchmal auch genaus so nicht!