Vielleicht sollte man das nicht tun, über "Flags Of Our Fathers" zu schreiben, ohne das japanische Gegenstück "Letters From Ivo Jima" zu kennen. Meine Rezension kann nur einen vorläufigen Eindruck wiedergeben. Und dieser lautet, dass Regisseur Clint Eastwood vieles, aber nicht alles überzeugend macht. Viel hat er sich vorgenommen, und seine etwas unausgegorenen Kriegsfilme "Firefox" (1982) und "Heartbreak Ridge" (1986) übertrifft er sicherlich an Komplexität und kritischer Reflexion. Schon zu Beginn sagt ein Veteran, dass Krieg kein simples Gut-gegen-böse-Spiel sei (hat die Bush-Regierung diesen Film gesehen?). Diese Komplexität spiegelt sich in einer komplexen Erzählstruktur wider, in der jedes Ding nicht zwei, sondern drei Seiten hat. Es gibt drei Zeiten (die Schlacht, die mediale Vermarktung ein paar Monate danach und das Jetzt) und drei Veteranen, die im Mittelpunkt stehen. Diese gehören für die Öffentlichkeit zu den sechs verehrten Helden, die auf einem mittlerweile berühmten Foto die US-Flagge auf Ivo Jima aufrichten. Eastwood entlarvt alles als Lug und Trug. Einer der Männer war gar nicht dabei, hat aber zuvor eine erste, kleinere Fahne gehisst, die durch eine andere ersetzt werden musste, weil ein Befehlshaber ein schönes Souvenir haben wollte. Die Gesichter sind auf dem Foto so schlecht zu erkennen, dass auch bei den Gefallenen eine Personenverwechslung eintreten wird. Komik und Tragik mischen sich, wenn eine Mutter ihren gefallenen Sohn zu erkennen glaubt, der Bruder aber meint, da sei nur "Hanks Ar---" zu sehen - das Wort dürfe der Bruder nicht sagen, aber den Ar---, den kenne die Mutter, den habe sie gepudert, da sei eine Verwechslung ausgeschlossen. (Viel später im Film, als das Foto entsteht, sagt der Fotograf im typisch derb-scherzhaften Soldatenton zu Hank: "Los, komm, sonst verewige ich Deinen Ar---.").
Diesem Hank wird also die postume Ehre zu Unrecht abgesprochen, an der der Mutter doch so viel läge. Manipulationen allenthalben, Fehler werden nicht zugestanden. Dabei wäre es in Wirklichkeit gar nicht so sehr darauf angekommen, wer nun auf dem Foto ist, denn diese Männer waren nicht nur nicht heldenhafter als andere, sondern das Hissen der Fahne hat mitnichten die Kampfhandlungen auf Ivo Jima beendet. Die drei Soldaten, die später nach Hause dürfen und auf Werbetour für Kriegsanleihen gehen, sind von schweren Traumata gezeichnet, die immer wieder in Erinnerungsrückblenden an die Oberfläche kommen. Hier sehen wir den Krieg nicht minder brutal und chaotisch als in dem ersten Teil von Spielbergs "Der Soldat James Ryan" (nur einmal verweigert die Kamera den Blick auf einen GI, den die Japaner offenbar noch schlimmer zugerichtet haben als all das, was wir an zerfetzten Leibern schon zuvor gesehen haben). Stimmig zu der aschigen Ödnis der "Schwefelinsel" Ivo Jima ist eine weitgehend entsättigte Farbpalette in diesen Szenen, unterbrochen nur durch Explosionen, Blut und Fleisch. Dies ist kein Film für die ganze Familie, aber diese Szenen haben schon ihre Berechtigung, war doch Ivo Jima ein kleiner Fleck, auf dem heftig gekämpft wurde und nicht ein undurchdringlicher Riesendschungel wie Vietnam, in dem viele der US-Soldaten während des ganzen Einsatzes keinen Feindkontakt hatten.
Geschickt verknüpft Eastwood immer wieder die Zeitebenen miteinander, vor allem den Kriegseinsatz und die Promotion Tour - und er zeigt sehr genau das Verlogene der medialen Inszenierung eines guten Krieges voller Helden. Die Stahlgewitter von Ivo Jima finden eine Entsprechung in den Blitzlichtgewittern danach. Ein Mal sollen die drei Soldaten sogar in einem Stadion die Szene des Flaggehissens nachspielen. In dieser Szene werden echter und inszenierter Krieg am perversesten angenähert. Nicht nur dient die Szenerie als kulminierender Höhepunkt von Traumata und Wirklichkeit mit immer schnelleren Ebenenwechseln gegen Ende, sondern nutzt Eastwood auch einen Überraschungseffekt gegen Anfang: Als wir uns noch im Krieg wähnen und die Feuerblitze am Himmel ein ganz klein wenig zu sehr nach Feuerwerk aussehen, stellen wir fest: Es IST ein Feuerwerk, der Krieg ist nur im Stadion nachgestellt. Hier stellt Eastwood nicht nur die Manipulation objektiv dar, sondern bezieht den Zuschauer mit ein, manipuliert ihn mit und lässt ihn durch das eigene Sehen verstehen, wie Manipulation funktioniert. Ein weiteres perverses Highlight ist diese Geschichte mit dem Vanilleeis mit Erdbeersoße. Scheinbar schon ein bißchen zu plakativ, aber man traut inzwischen der US-Propagandamaschine auch dies zu: eine Vanilleeis-Kreation aus dem Motiv des Fahnehissens zu machen. Die dunkelrote Soße darauf filmt Eastwood wie Blut - einen "weißen", unschuldigen Krieg hat es nicht gegeben.
Eine kleinere Schwäche sehe ich bei allem Lob in einigen der Protagonisten. Für René (Jesse Bradford), den Mann, der anscheinend am geordnetsten in das heimatliche Leben (und in die Arme einer schönen Verlobten, später Ehefrau) gleiten kann, habe ich mich eher nur als Teil einer traumatisierten Gruppe und nicht als Individuum interessiert. Sanitäter "Doc" (Ryan Philippe) scheint schwerer getroffen, zumal angesichts der brutalen Kämpfe andauernd der Ruf "Sanitäter" ertönt, auch später in seinem Kopf (und als Stilmittel für eine Rückblendeneinleitung). Doch fehlen diesem Mann, der unermüdlich seine Kameraden zusammenflickt und ihnen auch noch gut zuredet, wenn er selbst verwundet ist, ein bißchen die Ecken und Kanten. "Indianer" Ira (Adam Beach) ist hingegen eine ungeheuer starke Figur, leider nur mit ihr läuft Eastwood zu Höchstform auf. Eastwood hatte es schon oft mit benachteiligten Gruppen und/oder individuellen Außenseitern, selbst Dirty Harry hatte einen Mexikaner, einen Farbigen, eine Frau und einen Chinesen zum Partner. Was bei diesen an der Oberfläche blieb, führte Eastwood in anderen Filmen zu komplexen Charakterstudien von Menschen zwischen allen Stühlen (man denke nur an die "Indianer" in "Der Texaner"). Ira ist sein Meisterstück. Das ist ein Mann, der stolz auf seine Uniform und auf seinen Einsatz ist, der scheinbar beim Militär diskriminierungsfrei leben kann, aber doch damit leben muss, mit freundlichen Klischees konfrontiert zu werden ("Na, Häuptling, haste Dein Tomahawk auf die Japse geschleudert?"). Als er merkt, dass sich dieser stereotypen Behandlung die offene Diskriminierung außerhalb des Militärs hinzugesellt (er bekommt in einer Bar keinen Drink), droht er zu zerbrechen, pöbelt herum und betrinkt sich anderweitig sinnlos. Ausgerechnet bei dem erwähnten nachgestellten Fahnehissen muss mühsam kaschiert werden, dass Ira stockbesoffen ist - er droht an seiner ihm oktroyierten Rolle in der Gesellschaft gerade im Kontrast mit der heuchlerischen Selbstinszenierung zu zerbrechen. Die kurze Schilderung seines späteren Weges gehört zum Berührendsten in diesem Film: Auch als Redner eines Kongresses Amerikanischer Indianer ist er (u.a. als Kurzhaariger vor lauter Langhaarigen) ein Fremder, die Ureinwohner applaudieren eher pflichtschuldig als aufrichtig. Wie er dann nicht mehr Fuß fassen kann und 1.300 Meilen trampt, um einen ebenfalls vereinsamten Mann aufzusuchen, wie sie da auf einer kargen Farm im ländlichen Amerika stehen, zwei verlorene Seelen im Geiste, die aber doch verloren bleiben müssen, das ist Ur-Eastwood, wie nur er die traurig-schöne US-Provinz fotografieren lassen kann (der andere Mann ist der Vater eines Kameraden, dem Ira die Wahrheit erzählt, dass sein Sohn auf dem Bild war - seine Frau hatte sich von ihm getrennt, weil sie an dem Tod des Sohnes, seiner fehlenden Anerkennung und daran, dass ihr Mann seine Kriegsverpflichtung zugelassen hatte, zerbrochen war). Zu der Tragik Iras Verloren-Seins gesellt sich noch der Umstand, dass der Sergeant, der die drei Protagonisten auf der Promotion Tour begleitete, ein Mal zögerte, dann aber den trampenden Ira doch nicht in seinem Wagen mitnahm. Er wäre nicht sicher gewesen, ob es Ira war, "und außerdem, es war ja 'n Indianer" (unausgesprochen: so einen nimmt man besser nicht mit). Der alltägliche Rassismus eines eigentlich "Guten" auch hier als Grund für die Unmöglichkeit, einen Platz im Leben zu finden. So kann Ira schließlich nur einsam mit einem anderen Einsamen im Nirgendwo stehen.
Leider leistet sich der Film am Ende die Schwäche, überdeutlich darauf hinzuweisen, dass die falsche Heldenverehrung ein echtes Gegenbild hat, dasjenige des heimlichen Helden, der nicht für sein Land, sondern für seine Kameraden durchs Feuer geht. Und das haben angeblich alle Beteiligten getan, bei "Doc" ist das offensichtlich, aber auch ansonsten gilt: Der Film traut sich nicht, einmal einen Zauderer oder waschechten Feigling zu zeigen. Derer muss es doch in einer solchen Extremsituation einige gegeben haben, gar nicht einmal verdammenswerte Feiglinge, sondern ganz normale Menschen, die nicht erst nach dem Einsatz, sondern schon auf dem Schlachtfeld die Nerven verlieren. Ein sehr alter Film war da schon wesentlich weiter, William A. Wellmans "Heroes For Sale" (1933), der ebenfalls von der schwierigen Wiedereingliederung von Kriegsveteranen ins zivile Leben handelt. Und in dem ebenfalls eine Personenverwechslung dafür sorgt, dass nicht derjenige geehrt wird, der geehrt werden soll. Doch während Eastwood letztlich sagt, dass nicht nur die Fahnenaufsteller Helden waren, geht es bei Wellman um den tatsächlichen Helden und den Zauderer (den er nicht als vollständig unsympathisch zeigt).
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