5.0 von 5 Sternen
Das Sterben als Verdichtung des eigenen Wesens, 16. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Zwei Flügel des einen Vogels (Taschenbuch)
In einer Zeit, in der der Tod aus dem Leben ausgeklammert wird, ist auch das Sterben aus der Selbstverständlichkeit des Daseins herausgefallen. Die Fragen nach diesem Ereignis im Leben eines Menschen bewegte die beiden Autoren. Ihre Suche nach möglichen Antworten führte sie zu Anneke de Jong, Anfang 40, krebskrank, und Mutter zweier Kinder. Aus der Begegnung dieser drei Menschen entstand eine Dokumentation aus Bildern und Gesprächen über eine Zeit im Leben eines Menschen, in der das Mitteilen von Erfahrungen weitestgehend unbekannt ist, in der das Anschauen und Reflektieren der eigenen Schritte eine sehr intime und persönliche Schicht berührt, in der der Abschiednehmende von seiner Umgebung meist als Opfer dieser Unabänderlichkeit erlebt wird und nicht wie der Hauptdarsteller eines biografisch unwiederholbaren und deshalb einzigartigen Abschnittes des Lebens.
Der Leser wir einbezogen in die Loslösungsprozesse aus den liebgewordenen und Sicherheiten gebenden Gewohnheiten dessen, was zum Leben gehört. Er darf teilhaben an den Phasen der Verzweiflung, der Panik, der Bitterkeit, des Staunens, der Befreiung, er darf miterleben, wie die Spannung dieser Phasen sich auflösen in eine tiefe Bajahung der zu gehenden Schritte, in einen Reichtum an hochverdichteter Erfahrung. Einer Erfahrung, die entsteht durch das bedingungslose Loslassen der Gerüste, der Sicherheiten, in die uns Gesellschaften, Religionen und Traditionen einbetten, damit wir in einer gewissen Ordnung leben können. Dass diese Ordnung letztlich eine Krücke ist im Vergleich zu der, die unsere Individualität in der unbedingten Wahrhaftigkeit der letzten Schritte erwirbt, das ist eine Anleitung zur Revolutionierung der eigenen Wertvorstellungen.
Anneke de Jong hat sich bereit gefunden, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Ich danke Ihr für diese Tat und wünsche ihr viele Leser, die helfen, das Thema aus der gesellschaftlichen Tabuzone herauszuholen und den Grundstein zu legen für eine Neugestaltung dessen, was eine menschenwürdige Gesellschaft ausmacht.
Ich habe hier meiner Freude über dieses Buch Ausdruck verliehen. Annek de Jongs Ausdruck ihrer Erfahrungen ist eine sachliche, schlichte und in ihrer Wahrhaftigkeit eine reinigende.
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