"Man muß sich fragen, ob der menschliche Geist
das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
(Paul Valery)
Für Zygmunt Bauman (1925-) steht ein individuelles Leben in der flüchtigen Modernen unter den Primat des Wandels. Dieser Wandel wurde eingeläutet, als Karl Marx im Kommunistischen Manifest deutlich machte, dass "das Verdampfen alles Ständischen und Stehenden" eine kluge Freizeitbeschäftigung sei und damit ist die Moderne nichts anderes als eine fluide Angelegenheit. Denn schon damals vor 150 Jahren fanden die Autoren eine Gesellschaft vor, die zu träge und in ihrem Drang nach Veränderung zu behäbig sich zeigte, in den Routinen nahezu eingefroren. Mutet es nicht seltsam an, dass der Drang nach verbesserten Ordnungen und vor allem die Beseitigung nicht funktionierender Strukturen nichts Neues ist und die heutige Gesellschaft in der Fassung von Hyper-Komplexität sich an den Rand des Machbaren gedrängt sieht und fühlt. Jede Moderne findet die Vormoderne verstaubt, verrostet und einfach im desolaten Zustand. Neue Stabilitäten will man entdecken, und wenn sie noch so beweglich und flexibel sind und sein müssen. Max Weber blies ins gleiche Horn, wollte das Stahlkorsett entrümpeln und damit den Einzelnen befreien von Familie und sonstigen Verpflichtungen. Das Primat des Einzelen, der Ruf nach Individuation war der Kontrapunkt jeder pädagogischen Sozialisation. Der Siegeszug mit Marx und Weber galt der Ökonomie, Basis und Überbau machten ihre Aufwartung und galten fortan als Grundbegriffe neuer Ordnung im Sinne der Ökonomie. Karl Marx definierte Produktionsfaktoren und löste den Arbeiter von der Arbeit, denn die Arbeit war allein ein Produktionsfaktor, egal wer sie tat. Seine Idee, den Freiraum zur individuellen Pflege eigener Bedürfnisse zu nutzen, misslang an den finanziellen Einbussen durch beliebig verteilte Arbeit.
Liest man dieses, ist man im 19. Jahrhundert und zugleich im 21. Jahrhundert! In diesem Jahrhundert ist die Flüchtigkeit vielleicht noch gewachsen, aber im Prinzip gilt die Übernahme des Prinzips verbesserter Produktions- und Gewinnmaximen. Denn was Bauman schon 1999 definierte, nämlich dass die radikale Demontage aller sozialen Verbindungen, die vorgeblich die Handlungsfreiheit einschränken sollten, eintreten wird, ist eingetreten. Deregulierung, Liberalisierung und Flexibilisierung der Gesellschaft ist zugleich ein Übertragen jeder Verantwortung auf das Individuum. Zudem gelingt es in dieser Methode nach Sennett über Geschwindigkeit, Verschwinden und Passivität aneinander vorbei zu agieren, so dass der Prozess des Eindampfens allen Bestehenden als Lebensplan des Individualismus oder Narzissmus (Lasch) in der zweiten Modernen zum Prinzip wird.
Alte Käfige werden leer, weil das alte Handeln des Ermahnens und Strafens verkehrt wird in die Botschaft: Suche deinen Platz. Damit ist jede Beliebigkeit in Form zu halten und diese Form fordert die höchste Aufmerksamkeit und Anstrengung und man glaube nicht, dass dieses zum Erfolg führt. Raum und Zeit relativieren sich, keiner kennt die Ziele, weil jedes Ziel beweglich ist. Daher sind Richtungen zu ändern und dieses wird möglich für den, der achtsam ist. Und wer achtsam ist gegenüber all den Dingen der flüssigen Modernen, wird sein Ende des individuellen Lebens eingestehen müssen.
Wem die veränderte Bewegungsgeschwindigkeit im Raum auch zur Frage menschlicher Fertigkeit und Fähigkeit wird, dem wird diese Analytik hilfreich sein. Demjenigen wird auch bewusst, dass nur noch Himmel und Lichtgeschwindigkeit Grenze des Erwartbaren sind und demjenigen wird spürbar werden, dass die Moderne nichts anderes sein wird, als der nicht zu bremsende, sich fortlaufend beschleunigende Versuch, diese Grenze zu erreichen.
Zygmunt Bauman bezeugt diese flüchtige Moderne mit einigen Unterstützern. Und es gelingt ihm in bravouröser Form, die Übergänge von der gewollten Emanzipation zur Individualität, von Raum und Zeit unter dem Primat der beschleunigten Welt hin zur Arbeit und schließlich aus allem hin zur Gemeinschaft zu zeigen. Die Moderne ist die veränderte Relation von Raum und Zeit, wie Bauman sagt und in nichts wird dieses Phänomen deutlicher als in dem Prinzip des möglichen und zukünftigen Cloud Working. Zeit, Raum, Geschwindigkeit werden zu Machtfaktoren und die gesamte Vernetzung löst über die Schwarmintelligenz das Problem der Demographie spezifischer Länder.
Vernetzung und digitale Grenzfreiheit sind nicht mehr als ein Rachefeldzug des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und der Seßhaftigkeit. Alles Leichte, Kleine, Bewegliche steht für Fortschritt und Verbesserung. Der digitale Mensch ist als Cloud Worker wie ein elektronischer Maulwurf, immer auf der Suche nach Steckdose und Netzanschluss und die Anbieter im Zeitalter der Augenblicklichkeit wetteifern um die Gunst der Dosensucher.
Viel Erkenntnis und Lesespaß gilt dem Leser.
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