Man könnte jetzt einfach nur die Fakten verkünden. Nüchtern und streng sachlich:
Die Schwedin Aino Löwenmark (Gesang + Piano) und die Südafrikanerin Hanmari Spiegel (Geige + Gesang), beide wohnhaft in Hamburg und besser bekannt als FJARILL, veröffentlichen nach „Stark“ (Dezember 2006), „Pilgrim“ (April 2008) und der Weihnachts-EP „God Jul“ (November 2008) Mitte September ihr neues Album. Es heißt „Livet“ – Leben – und enthält zwölf neue Stücke, zum ersten Mal aufgenommen in den berühmten „Bauer Studios“ in Ludwigsburg. Und nun viel Freude beim Anhören.
Doch sobald die ersten Takte des ersten Stücks erklingen, wird einem schlagartig bewußt: Da ist er wieder, dieser ungewöhnliche und ungewöhnlich ergreifende Sound wie ihn nur FJARILL zaubern können. Ainos wärmende Stimme, die einprägsam und selbstsicher die Ohren umschmeichelt. Hanmaris inniges Geigenspiel, das von Geborgenheit und Loslassen erzählt. Elegische Melodien, bei denen man schwer sachlich und zurückhaltend bleiben kann. FJARILLs Musik hört man nicht, man atmet sie ein.
Nie zuvor waren die Kompositionen und Arrangements der beiden jungen Frauen so abwechslungsreich und so voller kleiner Geistesblitze. Neben den vertrauten Instrumenten wie Geige und Klavier kommen diesmal Hand-Percussion und Kontrabass, Akkordeon, Cello und Kalimba (Daumenklavier) zum Einsatz.
Auch sonst gibt es für langjährige Fans viel Neues zu entdecken. Der dritte Longplayer ist weniger mystisch, weniger Mittelalter als bislang. FJARILLs neue Songs stehen mitten im Leben, sind klar und geerdet und von einer umwerfenden Fröhlichkeit und Daseinsbejahung. Das ist längst nicht nur akustische Weltmusik, sondern mal Folk, mal Country und vor allem immer Pop mit Glücksgarantie und opulentes Gefühlskino. In einer Welt, in der Emiliana Torrini, Lykke Li und Laura Marling für Hitparaden-Erfolge sorgen und Konzerthallen füllen, sollten FJARILL eigentlich längst kein Geheimtipp mehr sein.
Das Thema Leben hangelt sich durch das ganze Album. Mal geht es um den Weg von der Dunkelheit ins Licht und das Erleben des Moments („Livet“), mal um den Tod einer guten Freundin, die wie eine Schwester war („Syster“). Doch FJARILL versinken nie in Traurigkeit, sondern hoffen, auf ein Wiedersehen an einem anderen Ort. Es geht um Trost und wärmende Gedanken („Varm“), um Innehalten und das Geschenk des Augenblicks in einer Welt, die von Stress und Chaos bestimmt ist („Ukuma“). Oder um Kontemplation beim Blick auf einen nächtlichen See („Vattenspegel“), und dass man Hoffnung auch weiterschenken kann („Hopp“).
„Ukuthula“ (Frieden) preist in drei Sprachen (Schwedisch, Afrikaans und Xhosa) die Natur und den Gesang der Vögel und würde auch auf dem Soundtrack für den „König der Löwen“ eine ausgezeichnete Figur machen. „Jungfruanna“ beschreibt im Stil einer pointierten Kurzgeschichte das Schicksal der jungen Anna, die sich im stillen Kämmerlein aus ihren Träumen vom Leben einen Blumenkranz bindet. Der am Ende zu einem harten, dicken Helm gerät, weil sie sich nicht einlassen kann auf die echte Welt draußen vor der Tür. „Du“ dagegen ist ein echtes Liebeslied, ein Lied über Seelenverwandtschaft, die weit über das übliche I Love You And You Love Me hinausreicht.
Dazu kommen zwei Instrumentalstücke: „Cowboy“ und ein Schlafliedchen („Slapiekanienie“), mehr schillernde Lautgedichte, in denen Aino ihre Stimme einsetzt, wie ein zerbrechliches, eigenständiges Instrument. Und mit den letzten Akkorden, dem unverschämt gut gelaunten „U-Bahn-Lied“, beweisen FJARILL, dass in ihnen auch eine muntere, fast alberne Ausgelassenheit steckt. Der Abschlusssong ist zugleich ihr allererster Song auf Deutsch, eine kleine Revolution. Aino und Hanmari über ihr neues Werk: „Wir wollen mit unserer Musik vor allem Menschen berühren, sie glücklich machen. Wir sind der Meinung: Wer etwas Positives in die Welt setzt, kann auch anderswo Positives bewirken. Also eine Art Schmetterlingseffekt.“ Insofern war ihr Bandname, Schwedisch für „Schmetterling“, noch nie so passend wie heute. Schön und kostbar war die Musik von FJARILL schon immer, doch nun hat dieser Schmetterling zum ersten Mal die Flügel ausgebreitet in voller Pracht und Farbigkeit. „Livet“ hört sich an wie eine Reifeprüfung für FJARILL. Sie haben bestanden. Mit Auszeichnung.
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