Wir haben hier eine Neuauflage von „Superlearning" vor uns, mit dem die Autorinnen 1979 das Konzept des bulgarischen Forschers G. Lozanov vom entspannten Lernen bekannt machten. Die Aktualisierungen beschränken sich weitgehend auf Namen und Daten, die Forschungsergebnisse der letzten Jahre wurden leider nicht eingearbeitet.
Wer etwas über neue Lerntechniken erfahren möchte, wird auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Im ersten Teil des Buches wird zunächst einmal im überschwänglichen Plauderton über verschiedenste Forschungsprojekte berichtet, die sich in irgendeiner Form mit der Regulierung mentaler Zustände befassen, wobei die Kapiteleinteilung willkürlich ist und der rote Faden, der logische Überbau, fehlt.
Breiten Raum nehmen dabei Gehirnstimulationsgeräte (mind machines) ein, die bestimmte Mentalzustände hervorrufen und die Aufnahmefähigkeit fördern sollen. Sie wirken optisch, akustisch oder elektromagnetisch. Leider wird nicht vor der Gefahr psychischer Schädigungen bei unsachgemäßer Anwendung gewarnt.
Nur 40 Seiten im zweiten Teil (10% des Buchumfangs) sind der eigentlichen Lerntechnik gewidmet. Ostrander/Schroeder schildern hier aber ausführlich und nachvollziehbar die Elemente ganzheitlich-entspannten Lernens: 1) Entspannungstechniken 2) Visualisierungstechniken 3) Lernstoffdarbietung im 8 Sekunden-Rhythmus mit synchronisierter Atmung 4) Musikuntermalung. Das Ganze wird am Beispiel des Vokabellernens demonstriert. Auch eine Liste geeigneter Musikstücke ist angeschlossen.
Stilistisch wirkt das Buch wie eine große Zitatensammlung. Das ständige Einflechten von Namen unbekannter Forscher, Publizisten und Institute, deren Statements und unzählige Erlebnisberichte nerven auf die Dauer ganz schön. Offenbar scheuen sich die Autorinnen, für die vielen Erfolgsbehauptungen selbst geradezustehen, und schieben Drittpersonen vor.
Inhaltlich vermisse ich eine kritische Bewertung, wie praxistauglich die geschilderten Methoden sind. Die Erfolgsversprechen bleiben vage (z.B. „fünfmal schneller lernen" auf S.15, „Quantensprung in der Leistungsfähigkeit" usw.), Erklärungen fehlen meist. Wie sehr man entspannt sein muss und wie gut der Lernstoff eingeprägt wird (wiedererkennen, aktiv wiedergeben oder im Kontext anwenden) wird nicht präzisiert. Zahlenangaben täuschen eine Exaktheit vor, die nicht gegeben ist. Was ist z.B. „100% geistige Leistungsfähigkeit"? Aussagen wie „Nutzen Sie Ihr gesamtes Gehirn" sind irreführend, denn je leistungsfähiger das Gehirn ist, desto weniger muss es beansprucht werden! 20 Jahre Lernforschung haben gezeigt, dass solche Aussagen der Praxis nicht standhalten (s. Schiffler, L: Suggestopädie und Superlearning. Diesterweg 1989).
Das häufig strapazierte Schlagwort vom „beschleunigten" Lernen sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Verschwiegen wird nämlich, dass man sich seinen Lernstoff selbst mühsam aufbereiten muss, bis er in einer Superlearning-Sitzung entspannt eingeprägt werden kann. Der große Zeitaufwand für die Vorbereitung hebt die Zeitersparnis beim Einprägen wieder auf. Immerhin lernt man während der Vorbereitung schon laufend mit.
Den Kauf von Superlearning-Hilfskassetten mit 4-Sekunden-Schlägen zum rhythmischen Aufsprechen von Lernstoff kann man sich übrigens sparen. Die Tonqualität ist miserabel und ein Metronom, selbst aufgenommen, hat denselben Effekt.
Sieht man vom euphorischen Stil, der unübersichtlichen Präsentation und den überzogenen Erfolgsansprüchen ab, bietet das Buch durchaus Anregungen und konkrete Anleitungen für entspanntes Lernen. Mehr als Anregungen will das Buch laut Vorwort auch gar nicht bieten. Wer weniger journalistisch geprägte Darstellungen bevorzugt, ist bei Conrady, I: Lernen ohne Grenzen. Gabal 1993 oder bei Schuster, D.H./Gritton. Ch.E: Suggestopädie in Theorie und Praxis. PLS 1986 gut aufgehoben.