"Fish Tank" ist nach "Wespen" und "Red Road" ein weiterer Mosaikstein in Andrea Arnolds humanistisch engagiertem Gegenwartskino und wie schon in "Wespen" schildert sie auch hier das erschütternde Porträt einer Familie, die sich ausgegrenzt von der Gesellschaft am Rande des sozialen Abgrunds bewegt und dennoch verzweifelt versucht, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit aufrechtzuerhalten. In leisem Tonfall und aufmerksamer Sorgfalt erzählt der Film vom beklemmenden Abstieg in die prekäre Situation ärmerer Schichten, in der die Menschen unter dem Druck der nackten Existenzangst verzweifelt nach Möglichkeiten suchen, die pathologische Ausweglosigkeit der eigenen Lage im von stumpfsinniger Langeweile geprägten Alltag erträglich zu machen. So zeichnet Fish Tank ein feinsinniges und deprimierendes Psychogramm seiner in antriebsloser Lethargie verfallenen Hauptfiguren, deren Leben aufgrund der klaustrophobischen Enge gesellschaftlicher Missstände zunehmend aus den Fugen gerät.
Im Mittelpunkt steht die rebellische 15-jährige Antiheldin Mia (Katie Jarvis), die in der Schule längst gescheitert ist, weil sie zum Opfer ihres Umfelds wird und von den lieblosen Aggressionen ihrer hedonistisch veranlagten Mutter (Kierston Wareing) und den Übellaunigkeiten ihrer kleinen Schwester in lebenserhaltender Motorik auf die Strasse getrieben wird, wo sie in eskapistischen Ausbruchsversuchen den ganzen Tag rastlos um die Häuserblöcke zieht und aus ihrem alltäglichen Frust heraus provokativ die Ventile für ihre angestaute Wut öffnet. Zur inneren Konfliktbewältigung demoliert sie im destruktiven Jähzorn Gegenstände, bepöbelt mit vulgärer Sprache gleichaltrige Mädchen aus der Nachbarschaft, stiehlt Geld, um mit Drogen narkotisch die Sinne zu betäuben und die bittere Realität ihres Daseins zu verdrängen, und flüchtet vor Sozialarbeitern, die ihr eine Unterkunft für auf die schiefe Bahn geratene Jugendliche versorgen wollen. Seltene Augenblicke des Glücks erlebt Mia nur in rauschhaften Zuständen oder beim Tanzen, wenn sie vor dem Fernseher die Clips auf MTV sieht, die Choreografien der Popstars mit elegantem Hüftschwung nachahmt und gedankenverloren vom unerreichbaren Ruhm und einem besseren Leben träumt.
Auf der Suche nach emotionaler Wärme und vertrauter Geborgenheit findet Mia in dem attraktiven Connor (Michael Fassbender), dem neuen Freund ihrer Mutter, eine väterliche Beziehungsperson, die familiären Halt und soziale Sicherheit verspricht. In Connor sieht Mia nicht nur einen Mentor sondern auch einen vielversprechenden Lichtstreif am Horizont, der dem ramponierten Zustand der Familie eine positive Wendung geben könnte. Tatsächlich scheint sich das Glück endlich auf Mias Seite zu schlagen, als ein Talent-Scout auf sie aufmerksam wird und ihr die Chance zum Vortanzen gibt. Doch gerade als sich Mias Lage zu stabilisieren scheint, wird ihr Leben wieder schwieriger, weil sie spürt, dass sie sich von dem verführerischen Connor sexuell angezogen fühlt. Doch der undurchsichtige Liebhaber ihrer Mutter verbirgt in den entlegenen Winkeln seiner Seele offenbar ein dunkles Geheimnis.
Fish Tank ist ein empathisch inszeniertes Coming-Of-Age Drama, das Mia auf ihrer Suche nach einem Sinn im Leben und der eigenen Identität mit aufrichtiger Wonne begleitet. Wohltemperiert ist der Rhythmus des Films, der in einer sehr sensitiven Komposition aus Gesten und Worten unangenehm pathetische Belehrungen und moralisierende Urteile gar nicht erst aufkommen lässt. Grandios ist die Kameraführung von Robbie Ryan, die mit einer raffinierten Lichtsetzung sich unmittelbar auf die wesentlichen Aspekte der Sets konzentriert, die in ihrer tristen Trostlosigkeit das depressive Innenleben von Mia reflektieren. Verstörend wirkt die schnörkellose Authentizität der äußerst lebendig atmenden Bilder. Die Handlung ist in der bewusst auserkorenen architektonischen Hässlichkeit der morbiden Londoner Vorstadt angesiedelt, wo der kalte Hauch des Urbanen den sozial Schwächeren bitterlich ins Gesicht weht. Trotz der gediegenen Erzählweise wartet der Film dennoch immer mit einer gewissen Doppelbödigkeit auf, die mit einigen unerwarteten Wendungen überrascht. So ist man sich nie sicher, welche Punkte von Mia auf ihrer Odyssee als nächstes angesteuert werden. Ohne Voreingenommenheit werden die Verhaltens- und Beziehungsmuster kritisch hinterfragt, was Fish Tank zu einem Menetekel der Wahrheit macht, weil der Film das Scheinwerferlicht ungeschminkt auf die Schwachstelle vermeintlich moderner Gesellschaften richtet, dem Defizit an Menschlichkeit, und jenen eine Stimme gibt, die sonst vergessen an den sozialen Rändern zurückgelassen werden. Somit knüpft Fish Tank an die klassischen Milieustudien des britischen Independent-Kinos und mit ein wenig Abstand an Filme wie Mike Leighs "Nackt" an.
Das Bildformat der DVD beträgt 4:3. Die Tonspur liegt jeweils in Deutsch und Englisch in 5.1 Dolby Digital vor. Als Bonusmaterial ist der Kurzfilm "Wasp" (Wespen) abrufbar.