Viertausend Jahre Geschichte in einem Taschenbuch - ist das möglich? Ainslee T.Embree und Friedrich Wilhelm, die Autoren des vorliegenden Bandes, wollten es wenigstens versuchen und führen den Leser mit diesem kleinen Buch, das in jede Fototasche passt, auf etwa 300 Seiten durch nahezu die gesamte Geschichte des indischen Subkontinentes.
Alles beginnt mit den Induskulturen von Harrappa und Mohendscho Daro, einer der ersten urbanen Kulturen der Menschheit, die durch die Einwanderung der Arier im 2. vorchristlichen Jahrtausend überlagert wurde. Die Arier brachten Indien den Hinduismus und das Kastensystem, seine Götter und seine Mythen, die ihm bis heute erhalten blieben. Sie gaben Indien seine wirklich entscheidende und erste Prägung. Die persischen Achaimeniden und die Griechen im Gefolge Alexanders blieben Episoden, Indien folgte seinem eignen Rhythmus, entwickelte als Antagonismus zum erstarrten Hinduismus bald den Buddhismus und den Jainismus, Das Reich Ashokas stieg auf und verfiel, auf das Hinayana folgte das Mahayana, es kamen die Guptas, die Weißen Hunnen und die Kushan-Könige, schier unüberschaubar erscheint mit der Zeit die Vielfalt der Imperien, die sich wie Kugelfische plötzlich aufblähen, ausdehnen, zerplatzen und vergehen.
Folgt man der Darstellung des vorliegenden Buches aber vollzieht sich am Ende des 12. Jhdts mit dem Einfall der Mohammedaner und der Entstehung des Sultanats von Delhi die zweite epochale Prägung des Subkontinentes. Von nun an ist Indien religiös geteilt: im Norden herrschen die islamischen Sultane, in deren Reiche Millionen der Unberührbaren und der unteren Hindukasten zum egalitären Islam übertreten, im Süden entsteht das hinduistische Großreich von Vijayanagar. Im 16. Jhdt. werden beide Regionen durch den Mogulkaiser Akbar geeinigt, ein asiatisches Großreich entsteht, das erst mit dem Tod des siebten Großmoguls Aurangazeb 1707 zusammenbricht. Wie es weiterging ist bekannt: nach den Zwischenspielen des Nizzams von Hyderahbad und des Oudh von Bengalen traten die Briten das Erbe der Moguls an und vereinigten Indien unter ihre Herrschaft. Damit endet das vorliegende Buch, die Geschichte des Modernen Indiens wird im 29. und 33. Band der Fischer Weltgeschichte behandelt.
Ich habe das vorliegenden Buch auf insgesamt neun Indienreisen immer wieder mit Gewinn vor Ort gelesen. In Golkonda, der Riesenfestung des Aurangazeb im Dekkan kann man mit dem kleinen Buch in der Hand eine informative Stunde auf den Burgmauern verbringen, am Ufer von Mahaballipuram informierte es mich über die Handelsbeziehungen der Pallawakönige mit Südostasien, ich saß mit ihm auf dem Berg Sigiriya auf Sri Lanka, vor dem Bahubali in Sravanabelagola oder vor dem Tadsch Mahal von Agra. Für Leute mit Vorkenntnissen und Interesse ist es also ein guter Informant, der zu allen Etappen der gesamtindischen Geschichte erstaunlich detaillierte (aber furztrochene) Abrisse liefert. (Hier leistet auch das umfangreiche Register gute Dienste, wenngleich dessen Lektüre ohne Brille unmöglich ist. )
Für Indieneinsteiger kann ich das Buch guten Gewissens aber nicht empfehlen. Die Details; mit denen die beiden Autoren den Leser bombardieren, erschlagen jeden Novizen. Die Diktion der Darstellung ist durch und durch unredundant, mit anderen Worten: kein Lesevergnügen und die Bebilderung ungemein sparsam. Mein Tip: vor diesem Buch zur Einführung den entsprechenden Indienband aus der guten alten Kulturgeschichte von Will und Ariel Durant lesen.