Ullrichs Buch besteht aus zwei Teilen: Grundriss und Vertiefungen.
Im Grundriss gelingt es Ullrich, auf weniger als 70 Seiten einen historischen Überblick über das Deutsche Reich zu geben. Das genügt, einen Einblick in die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gegebenheiten dieser Zeit zu erlangen.
Die Vertiefungen sollen dann einzelne Themenkomplexe stärker erhellen - deren Auswahlkriterien scheinen mir jedoch höchst zweifelhaft.
Sämtliche Vertiefungskapitel:
Verfassung
"Gründerkrach"
Parteien / Interessensverbände
Frauen / Frauenbewegung
Militarismus
Antisemitismus
Nervöse Zeiten
Hererokrieg
"Augusterlebnis"
Julikrise
Kriegsschuldfrage
Anscheinend gibt es also drei Auswahlkriterien: 1. Strukturelle Grundlagen (z.B. Verfassung), 2. Wichtige Ereignisse und Entwicklungen (z.B. "Gründerkrach"), 3. Diskreditierendes (z.B. Militarismus). Der letzte Punkt hat in einem wissenschaftlichen Werk nichts zu suchen, ist aber leider in der deutschen Literatur vielfach obligatorisch geworden. Bereits die Überschriften zeigen zum Teil, wie tendenziös die Sichtweise des Verfassers ist; statt "Militarismus" hätte dieser das Militärwesen, statt "Antisemitismus" den Umgang mit Minderheiten, statt "Hererokrieg" das Kolonialwesen thematisieren können. Wenn nur 50 Seiten Platz ist, die wichtigsten Aspekte des Reiches zu thematisieren, dann sollte auf das Allgemeine abgezielt werden.
Insgesamt reiht sich das Buch in die lange Reihe jener Werke ein, die es mehr oder weniger offensichtlich zum Ziel haben, die deutsche Geschichte dunkelgrau bis schwarz zu zeichnen. Zwar äußert sich Ullricht eingangs kritisch über jene Geschichtsschreibung, die alle deutsche Geschichte teleologisch um das Dritte Reich herum gruppiert, letztlich aber befördert er selbst diese Sichtweise. Die Kultur des Kaiserreichs wird - spätestens durch die Vertiefungen - als chauvinistisch, militaristisch, überheblich, aggressiv, antisemitisch charakterisiert. Auf solcher Grundlage konnten Hitler und seine Schergen freilich gut wurzeln...
Leistungen des Reiches werden bestenfalls erwähnt, Fehlleistungen überbetont (das gilt auch für den Grundriss, insonderheit mit Blick auf Bismarck). Vergleiche zum Ausland unterbleiben völlig - wie aber will ein Laie den deutschen Militarismus, Antisemitismus und Kolonialismus ohne internationalen Kontext beurteilen? Er wird seine eigenen, 'modernen' Maßstäbe anlegen, wodurch eine ahistorische Sichtweise entsteht.
Das Klischee des besonders militaristischen Kaiserreichs relativiert sich im europäischen Vergleich von selbst, dem Antisemitismus wurde gerade in dieser Zeit entgegengewirkt, vielfach fanden Juden Eingang in die bürgerliche Gesellschaft und waren in Deutschland wesentlich besser gestellt als in anderen Teilen Europas, der deutsche Kolonialismus war in keiner Weise 'schlimmer' als der der restlichen europäischen Mächte.
Groteskerweise zerreist Ullrich mit einem Satz Niall Fergussons "The Pity of War" (S. 113) und gibt zudem noch die Werksaussage falsch wieder. Fergusson arbeitet höchst vorbildlich: Mit Zahlen, mit intereuropäischen Vergleichen, mit kritischer Distanz und ohne Schuldzuweisungen.
Kurzum: Der Grundriss fasst die Kaiserreichsgeschichte recht gelungen zusammen (vier Sterne). Wer einen entsprechenden Überlick sucht, dem sei Ullrichs Werk empfohlen. Die Vertiefungen sind zu einem großen Teil unbrauchbar (zwei Sterne), Ullrichs gesamtes Vorgehen ist tendenziös - der Leser sollte also in jedem Fall kritisch sein.