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Tagesspiegel
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Auszug aus Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann. Die ungewöhnlichste Schachpartie aller Zeiten von David J. Edmonds, John A. Eidinow. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der teure, mit schwarzem Leder bezogene niedrige Drehsessel, der eigens für seinen Gegner bereitgestellt wurde, ist leer.
Sechs Minuten später trifft der amerikanische Herausforderer Bobby Fischer ein. Ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung geht durch den Saal. Da Fischer sich geweigert hatte, rechtzeitig aus New York abzureisen, war die erste Partie bereits verschoben worden, und viele hatten befürchtet, daß er vielleicht gar nicht kommen würde. Bei Fischer kann man nie wissen. Jetzt greift eine große Hand über das Schachbrett, nimmt den schwarzen Königsspringer und setzt ihn auf f6. In der provinziellen und normalerweise friedlichen Hauptstadt Islands hat der Titelkampf, der schon jetzt als »Match des Jahrhunderts« bezeichnet wird, endlich begonnen.
Die Schachweltmeisterschaft gibt es seit 1886. Aber erst durch dieses Finale findet sie weltweit Beachtung. Mit 250000 US-Dollar ist das Preisgeld fast zwanzigmal höher als beim letzten Titelkampf, als Boris Spasski über den amtierenden Weltmeister, seinen russischen Landsmann Tigran Petrosian, triumphierte.
Warum sind die Partien Stoff für die Fernsehnachrichten, und warum machen sie die Kommentatoren zu Stars? Warum wird Schach, das in den kommunistischen Blockstaaten schon längst ein Volkssport ist, jetzt auch im Westen en vogue, zum modischen Zeitvertreib wie weiland der Charleston, Canasta oder Hula-Hoop, zum Gesprächsthema zwischen Fremden an der Bar oder zwischen Freunden beim Abendessen?
Die Weltmeisterschaft von 1972 wird im Film, auf der Bühne und in der Popmusik verewigt werden. Sie wird unbestreitbar das berühmteste Schachduell der Geschichte bleiben. Das Match wird nie wieder seinesgleichen finden. Und das hat wenig mit den eigentlichen Partien zu tun. Wenn dem so wäre, könnte man die Reykjavík-Geschichte den bestehenden Büchern und zahllosen Berichten überlassen, die die Partien Zug um Zug analysieren. Davon gibt es jede Menge - bei den meisten handelt es sich um Spontanwerke. Doch was diese Weltmeisterschaft zu einer einzigartigen und faszinierenden Konfrontation werden ließ, spielte sich außerhalb des Schachbretts ab, und am Anfang stand die Überzeugung, daß hier Geschichte gemacht wurde.
Den westlichen Kommentatoren schien die Bedeutung der Konfrontation klar zu sein. Ein einsamer amerikanischer Star stellte den Besitzanspruch der Sowjets auf den Weltmeistertitel in Frage. Sein Erfolg würde die Behauptung der Sowjets widerlegen, daß ihre Vorherrschaft im Schach die Überlegenheit ihres politischen Systems widerspiegelte. Das Spielbrett war eine Arena des Kalten Krieges, wo der Meister der freien Welt gegen die sowjetische Maschinerie für Demokratie kämpfte. Es war das High Noon des Schachs, übertragen aus einem Fertigbetonsaal in Island.
Angesichts der Feindseligkeit, mit der sich die zwei großen Machtblöcke des Kalten Krieges gegenüberstanden, war eine solche Deutung der Begegnung unvermeidlich. Aber heute kann die Geschichte aus einer neuen Perspektive erzählt werden, befreit von den Verzerrungen des Kalten Krieges, und es stellt sich heraus, daß sie nuancierter und erstaunlicher ist, als sie 1972 wahrgenommen werden konnte. Das Ende des Kalten Krieges hat den Zugang zu Menschen und Akten ermöglicht, die die Individuen im Innern des sowjetischen Monolithen zum Vorschein bringen.
Quellen aus dem Weißen Haus, dem US-Außenministerium und dem FBI gewähren Einblick in die offiziellen Haltungen zu dem Match und zu Fischer. Die Weltmeisterschaft war nicht einfach eine Konfrontation der Ideologien, sondern sie wurde auf vielerlei Ebenen ausgetragen, und Schach war nur eine davon. Reykjavík lieferte die Kulisse für eine Kollision von Persönlichkeiten, von moralischen und rechtlichen Verpflichtungen, von gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen.
Dennoch, die ungeheure Bekanntheit des Ereignisses war zum großen Teil auf die Teilnahme von Bobby Fischer zurückzuführen, einem launischen Genie, bezaubernd und schockierend, anziehend und abstoßend zugleich. 1972 war er erst neunundzwanzig, aber schon seit über einem Jahrzehnt ein Star in der internationalen Schachwelt und seit seinen Kindertagen das Objekt einer stetig wachsenden öffentlichen Faszination.
Robert J. Fischers Lebensweg zum Schachweltmeister begann am 9. März 1943 um 14.39 Uhr in Chicago. Er wuchs in einer geschäftigen, umtriebigen Gesellschaft auf, die sich als typisch für das Herzland Amerikas verstand - erfolgreich, warmherzig, in gesicherten Verhältnissen, familienbezogen, am Gemeinwohl interessiert.
Das Leben der Familie Fischer paßte nicht in diese Bilderbuchwelt. Bobby Fischer lernte den Mann, der auf seiner Geburtsurkunde als Vater angegeben war, ein deutscher Biophysiker namens Gerhardt, nie kennen. Seine Mutter Regina stammte aus einer polnisch-jüdischen Familie und war eine ungewöhnliche Frau, klug und herrschsüchtig.
Außer für Bobby mußte sie auch für seine fünf Jahre ältere Schwester Joan sorgen. Während Fischers gesamter Kindheit war Regina chronisch knapp bei Kasse und konnte sich und ihre Kinder oft nur mit Mühe über Wasser halten. Aber Not macht erfinderisch. Und es mangelte nicht an Jobs, denn der amerikanische Arbeitsmarkt boomte. Staatliche Investitionen im militärischen Bereich kurbelten die Wirtschaft an, und die Kombination aus technologischem Fortschritt und einer »Nichts ist unmöglich«-Haltung machte Amerika zum mächtigsten und produktivsten Land der Welt. Die US-Wirtschaft hatte die Europäer schon längst weit hinter sich gelassen.
Inzwischen lag das Pro-Kopf-Einkommen in den Vereinigten Staaten zweimal höher als in den modernsten Ländern Westeuropas, das sich trotz massiver amerikanischer Finanzspritzen nur langsam von den Folgen des Zweiten Weltkriegs erholte. Die entlassenen US-Soldaten, die aus Europa und dem Pazifik in die Heimat zurückkehrten, kamen in ein Land mit Vollbeschäftigung, hohen Löhnen und Rekordwachstum, Schnellrestaurants und Hotdog-Ständen, Wohnungen mit modernen Haushaltsgeräten, Geschäften mit vollen Schaufenstern. Das Fernsehen begann seinen Siegeszug - es war eine Zeit des kulturellen Optimismus.
Die Soldaten erlebten eine Regierung unter Präsident Truman, die erfüllt war von Sendungsbewußtsein, von dem festen Willen, die sowjetischen Expansionsbestrebungen zu zügeln und »die Welt sicher für die Demokratie zu machen«.
Während des Krieges war Regina von Chicago nach Washington, D.C. gegangen und hatte dort einen engen Freund besucht, den Ungarn Dr. Paul Nemenyi. Dann ging sie nach Idaho, wo sie einige Monate studierte (Chemie und Sprachen), ehe sie in Oregon zunächst als Stenotypistin und dann als Schweißerin auf einer Werft arbeitete.
Danach unterrichtete sie in Arizona an Grundschulen und zog schließlich an die Ostküste, wo sie eine Ausbildung zur Krankenschwester machte und anschließend eine Zeitlang in dem Beruf arbeitete. Endlich zur Ruhe kam die Familie schließlich im New Yorker Stadtteil Brooklyn, Lincoln Place 560, Apartment »Q«, klein, schlicht aber wohnlich, und in Brooklyn verbrachte Bobby Fischer auch seine prägenden Jahre. Das war ein glücklicher Zufall, denn falls Amerika überhaupt eine Schachmetropole hatte, dann zweifellos New York.
Fischer war ein stilles Kind, fasziniert von Brettspielen und Puzzles, und als er sechs Jahre alt war, schenkte ihm seine Schwester Joan ein Schachspiel. Anhand der Spielanleitung lernten sie gemeinsam die verschiedenen Züge.
Fischer war schon bald so gefesselt von dem Spiel, daß seine Mutter fürchtete, er verbringe zu viel Zeit allein. Sie gab eine Annonce in der Lokalzeitung, dem Brooklyn Eagle, auf, um für ihren Sohn Schachpartner zu suchen, doch die Anzeige wurde nie veröffentlicht, weil man sich in der Redaktion nicht entscheiden konnte, unter welcher Rubrik sie erscheinen sollte. Statt dessen, und damit kommt der Anzeigenredaktion für alle Zeiten eine kleine Nebenrolle in der Geschichte des Schachs zu, leitete sie die Annonce an den verdienten Schachjournalisten und -funktionär Hermann Helms weiter. Er schrieb Fischers Mutter im Januar 1951 und schlug vor, daß sie ihren Sohn im Brooklyner Schachclub anmelden sollte. Im Laufe der kommenden Jahre verbrachte Fischer viele Stunden dort. Der Präsident des Schachclubs, Carmine Nigro, nahm ihn unter seine Fittiche. Nigro war enttäuscht, weil sein eigener Sohn dem Spiel einfach nichts abgewinnen konnte, und die Begeisterung des neuen Mitglieds gefiel ihm. An Abenden, wenn der Club geschlossen war, lag Fischer seiner Mutter in den Ohren, mit ihm nach Manhattan in den Washington Square Park zu fahren, wo Schach die gesellschaftliche Kluft überbrückte und Spieler aus allen sozialen Schichten New Yorks zusammenbrachte, vom reichen Wall-Street-Börsenmakler bis zum Bier trinkenden Obdachlosen. Zum großen Kummer seiner Mutter zeigte Fischers Besessenheit keinerlei Anzeichen von Linderung, deshalb brachte sie ihn in die Abteilung für Kinderpsychiatrie des Brooklyn Jewish Hospital. Dort wurde Fischer von Dr. Harold Kline untersucht, der Regina erklärte, daß es wahrlich schlimmere Arten des Zeitvertreibs gäbe. Als Fischer etwas älter war, fuhr er allein nach Manhattan, wo seine Mutter ihn spät abends förmlich vom Schachbrett wegzerren mußte.
Fischer machte nicht sofort als Wunderkind von sich reden. Sein Talent war offensichtlich, er verfügte über einen tiefen, intuitiven Schachverstand und schnitt bei Clubspielen und Turnieren gut, aber nicht aufsehenerregend ab. Erst 1954, also mit elf Jahren, wurde Fischer, um es mit seinen eigenen Worten auszudrücken, »einfach gut«. 1955 trat er dem Manhattaner Schachclub bei und stieg dort rasch durch die verschiedenen Klassen auf. Es war der Club des Establishments. Wie der amerikanische Spieler Jim Sherwin sagte, war die Atmosphäre »ziemlich gesetzt - lauter alte, weißhaarige Männer«. Ein Jahr später trat Fischer dem Hawthorne-Schachclub bei, einer informellen Gruppe von Schachmeistern, die sich mindestens alle zwei Wochen bei Jack Collins zu Hause traf. Der an den Rollstuhl gefesselte Collins wohnte mit seiner Schwester Ethel, einer Krankenschwester, zusammen; er war der Mentor etlicher vielversprechender Spieler, darunter auch die zukünftigen Großmeister William Lombardy und Robert Byrne. Er sollte großen Einfluß auf Fischers Leben ausüben. Collins hatte eine beeindruckende private Schachbibliothek zusammengetragen, und hier fand der junge Fischer erstmals Geschmack an Schachliteratur, von der er gar nicht genug kriegen konnte. Er ging auch regelmäßig zu anderen Schachclubs. In Manhattan standen gleich einige zur Auswahl, zum Beispiel der Marshall Club in Greenwich Village mit seiner recht jungen Klientel und das Flea House auf der 42. Straße. In diesen Clubs wurde mitunter um geringe Geldbeträge gespielt. Im Flea House war »Sam, der Rabbi« das leichteste Opfer, wenn man seine Einkünfte ein bißchen aufbessern wollte.
Allmählich machten die Gerüchte von einem neuen Wunderkind in den New Yorker Schachkreisen die Runde.
Einen Jungen mit einem derartigen Potential hatte es seit 1920 nicht mehr gegeben. Damals reiste der neunjährige, aus Polen stammende Samuel Reshevsky erstmals durch die USA. Bereits mit dreizehn Jahren erhielt Fischer Einladungen, Simultanvorstellungen zu geben, bei denen er gegen mehrere Spieler gleichzeitig antrat. Eine solche Vorstellung gab er, von seiner Mutter begleitet, auch in Kuba. Im Juli 1956 gewann er als jüngster Spieler aller Zeiten die US-Juniorenmeisterschaft. Noch im selben Jahr bot man ihm einen Platz im elitären Rosenwald-Turnier an. Dabei handelte es sich um ein Rundenturnier (jeder spielt gegen jeden) der besten US-Spieler, und es galt als das prestigeträchtigste Ereignis im amerikanischen Schachkalender. Fischers taktische Meisterleistung gegen Donald Byrne (den Bruder von Robert) wurde umgehend, auch wenn es vielleicht etwas übertrieben war, als die beste Einzelpartie des Jahrhunderts bezeichnet. Sein Spiel war ein beeindruckendes Kunstwerk, vielschichtig und komplex, mit kühner Weitsicht, und es machte in der Schachwelt Furore. Der Internationale Meister Bob Wade meinte, daß die Partie mit dem siebzehnten Zug, bei dem Fischer (Schwarz) einen Läufer zurücknahm, Le6, und den Angriff auf seine Königin übersah, auf eine »unsterbliche Ebene« gehoben wurde.