Bei vielen Büchern hat der Leser nach der Hälfte genug und stellt sie entnervt wieder zurück ins Regal oder quält sich pflichtbewusst durch den Rest. Bei diesem ist es umgekehrt, die zweite Hälfte ist erst richtig gut.
Der Titel des Buches ist irreführend bis an den Rand des Etikettenschwindels. Von Joschka im Frankfurt der 70 er Jahre erfährt man wenig und noch weniger etwas, was man nicht schon in einer Zeitung oder im SPIEGEL gelesen hätte. Dass man, um das (politische) Handeln einer Person zu verstehen, auch und vor allem den "historischen Kontext" (Klappentext) kennen muss, ist eine Banalität, die im Übrigen für jede Person gilt. Immerhin muss man dem Autoren zugute halten, dass nur wenige diesen Kontext der Frankfurter "Szene" kennen und er sich von selbst nicht unbedingt jedem Interessierten erschließt. Trotzdem: Schade, dass man so wenig über die individuelle Person Joschka F. erfährt, zumal der Autor selbst zum beschriebenen Milieu dieser Jahre gehörte und Fischer gut kennt.
Das Buch besteht aus mehreren Artikeln und Aufsätzen, die teilweise schon vorher veröffentlicht worden sind. Zunächst wird die poltische Karriere von Herrn Fischer nachgezeichnet, dann der Frankfurter Häuserkampf in eher chronologischer Anordnung abgehandelt. Nette Zusammenfassungen von hinlänglich Bekanntem. Interessanter schon ein Porträt von Daniel Cohn-Bendit, der ohne jeden Zweifel einen großen Einfluss auf die politischen Entscheidungen Fischers in jener Zeit hatte und der doch so etwas wie ein Vorbild war.(Gerüchte sagen, dass die wichtigen Entscheidungen der Abendplena im Studentenhaus am Frühstückstisch der WG zwischen Cohn und Fischer ausgekungelt worden sind, aber wer saß schon dabei?...) Hier nun kommt der Autor etwas aus der Reserve...
Dass der charismatische Kommunikator von quecksilberhaftiger Flexibilität ist, mag ein Vorzug sein, birgt gleichzeitig aber die Gefahr in sich, dass schließlich bei veränderten politischen Konstellationen - so die Diagnose des Autors - aus dem "anarchistisch-libertären" ein "liberal-republikanisches" Selbstverständnis wird. Der Unmut Kraushaars ist hier wie an ähnlichen Stellen unüberhörbar.
Und das gilt noch mehr für Joschka Fischers Mutierung vom machistisch-halbproletarischen Revolutionär zum "Realpolitiker". Interessant (wenn auch manchmal etwas langatmig) der politisch-historische Stammbaum des Begriffs "Realpolitik", er stammt aus dem 19. Jahrhundert von dem Nationalliberalen Revolutionär/ dann: Realpolitiker Ludwig August von Rochau. Sicher gibt es, so der Autor, nur Homologien zwischen den Karrieren und dem Denken beider Personen, in beiden Fällen wird aber die Idee einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung hin zu mehr Freiheit für jedermann (bei Fischer auch: für jede Frau) auf das allein Machbare reduziert. Keine Frage, dass Kraushaar mit diesem Eindampfungsprozess nicht einverstanden ist.
Das Buch schließt mit einem interessanten Artikel über den Antisemitismus in der Neuen Linken, der sich als "antiimperialistischer Kampf" drapiert und einem auführlichen und sehr differenzierten Interview, das der Autor zum Aufstieg und Ende der RAF gegeben hat.
1976 stellt Fischer in einer emphatischen Rede noch den "Lehrern, Professoren, Sozialarbeitern" die Linksradikalen gegenüber, die einen revolutionären Lebensentwurf glauben ihr eigen nennen zu können - aber gerade die machen dann in ein oder zwei Jahren ihr Diplom (oder auch nicht) und werden genau das: Lehrer, Professoren und Sozialarbeiter. Nicht dagegen opponiert Kraushaar, sondern gegen eine Aufgabe des Anspruchs, an den Werten der großen Utopien festzuhalten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Zuckererbsen und das Recht auf Faulheit. Wie beides zusammengehen kann - profanes Alltagsleben und das Streben, die im Individuum wie in der Gesellschaft enthaltenen kreativen und befreienden Potenziale freizusetzen, dafür gibt uns der Autor kein Rezept.
Muss er auch nicht. Der kritische Theoretiker legt den Finger in die Wunde. Pflaster kleben andere.