"17 Vorteile, Feindschaften zu pflegen" - ja, das sind gute 14 Seiten in diesem Buch. Von 1. "Feinde sind der ehrlichste Spiegel" über 10. "An Feinden wird deutlich, wer auf Ihrer Seite ist" bis zu 17. "Feinde sind treue Weggefährten (Bispiel Willy Brandt vs. Franz Josef Strauß). Nur, das Buch hat über 200 Seiten - da ist die Ausbeute etwas gering und der Kaufpreis nicht gerechtfertigt. Lässt man die Luft aus diesem Buch, bliebe vielleicht ein lesenswertes Büchlein aus der Reihe "30 Minuten ..." übrig - das hätte ich sicher gerne gelesen.
Der Einstieg ist besonders schlecht gelungen. Erst definiert Kraft das Wort "Feind" über zwei Seiten, um anschließend auf zehn Zeilen zu erklären, seine Feind-Definition sei allerdings eine ganz andere ... Dann langweilt er ganze drei Seiten über die Wortherkunft des Wortes "Feind" ... Solche Strecken durchziehen leider das gesamte Buch, ohne irgendwelchen Mehrwert, den man von einen Ratgeber dieser Art erwarten sollte und wirken ziemlich selbstverliebt ("Seht her, was ich alles weiß"). Warum erzählt er mir im Kapitel "Von Samuarais und Boxern" seitenweise, dass es das Boxen Bereits von 7.000 Jahren gegeben hat?
Jedenfalls: Nach der Einleitung, die den Leser nicht gerade ins Buch und ins Thema zieht, startet Kraft seine Anleitung in elf Schritten, wie man ein Problem schafft, damit man sich einen Feind heranziehen kann. Eigentlich verstehe ich grundsätzlich (glaube ich jedenfalls), was er meint. Viele Menschen spielen Probleme mit ihren Mitmenschen oder sogar mit Konkurrenten herunter, nur um einem Streit aus dem Wege zu gehen. So schreibt Kraft später: "Sie müssen ein Problem irgendwie persönlich nehmen, wenn Sie daraus einen Konflikt machen möchten." Das stimmt durchaus! Die Formel "Nimm das nicht so persönlich" kann zur Vorfahrtsstraße in Richtung "sich alles gefallen lassen" werden. Und ein Problem sollte man durchaus manchmal zu einem Konflikt eskalieren lassen, um es zu lösen oder Konkurrenten in ihre Schranken zu weisen.
Solche Probleme und Konkurrenten gibt es im Alltag genug. Kraft jedoch stellt es in seinem Buch so dar, als solle man ein Problem mit jemandem regelrecht konstruieren, um sich so bewusst einen Feind zu schaffen - das liest sich streckenweise äußerst merkwürdig. Dazu verwendet er das Beispiel eines Angestellten, der sich vom Chef im Vergleich zu seinen Kollegen zurückgesetzt fühlt. In elf Schritten schafft es der Angestellte, sich seinen Chef zum Feind zu machen. Ich halte das im Normalfall für keine gute Strategie und das Beispiel für ziemlich ungeschickt gewählt. Durchsetzt ist es mit Sätzen wie diesem: "Ein Glückspilz auf dem Weg zu Konflikt wollen Sie nun wirklich nicht sein oder kennen Sie etwa glückliche Konfliktparteien?" Handelt ich sich hier etwa um eine Anleitung, sein Unglück zu steigern?
Oder ein Kapitel startet mit dem Satz "Wenn Sie es geschafft haben, Ihre Negativbrille aufzuseten, ..." Auch hier ist eigentlich klar, worum es geht: Nicht zu viel Verständnis für Gegner und Konkurrenten - sie werden es einem sonst entsprechend "danken". Viel zu oft ziehen Gutmenschen ohne Not den Kürzeren und haben einen Nachteil. Doch im Gesamtzusammenhang dieses Buches wirken solche Sätze immer eim wenig befremdlich.
Überhaupt nicht verstanden habe ich die 15 Seiten über Hindernisse, die man sich selbst aufbauen soll, und die verhindern, dass man mit diesem Chef spricht, angefangen bei "Ich schaffe es nicht, mit ihm darüber zu reden, diese Hürde ist viel zu hoch für mich, denn ich bin viel zu klein, um sie zu überwinden (das Gefühl von Minderwertigkeit hilft hier hervorragend weiter)". Und Gipfelnd in: "Wenn das alles nicht hilft, Hürden aufzubauen, klappt es villeicht mit folgendem Vorschlag: Stellen Sie sich bitte ganz fest vor, dass Sie ein Loser sind - und zwar einer, der immer verliert, den noch kein Chef gegrüßt hat, der immer gemobbt und von niemanden unterstützt und gemocht wird."
Ist das alles nur Ironie?
Leider habe ich keine Auflösung gefunden, was diese "Ratschläge" sollen - oder sich habe sie einfach hinreichend entnervt überlesen.
Weiter geht es mit selektiver Wahrnehmung (die zurvor ausführlichst anhand wohlbekannter Beispiele wie der schwangeren Frau oder dem neuen Auto erklärt wird). Kraft schreibt: "Damit Sie also von Ihrem Chef das Bild eines ständig unfreundlichen Zeitgenossen bekommen und bewahren können, ist es notwendig, seinem freundlichen Verhalten keine besondere Beachtung zu schenken." Was soll das eigentlich? Klar, wieder geht es darum, sich von freundlichem Verhalten seines Konkurrenten nicht einlullen zu lassen, möglicherweise hinreichend "nachtragend" zu sein, wie es viele Gutmenschen nicht können und deshalb - mal wieder - den Kürzeren ziehen. Aber bitte: Vielleicht ist der Chef ja nett und setzt den Mitarbeiter gar nicht zurück? Immerhin war dieser Konflikt ja (siehe Einleitung) von vorne bis hinten konstruiert ...
Sicher, Gutmenschen müssen ein Problem und einen daraus resultierenden Konflikt erkennen, vor sich selbst eingestehen, zulassen usw. Nur leider beschreibt das Kraft so ungeschickt, dass man sich beim Lesen nur wundert.
Etwa ab Seite 113 mag es besser werden, hier entwickelt sich das Buch in Richtung Rhetorikschule. Durchaus interessante Dinge über Streitkultur werden dort gesagt ("Unterbrechen Sie den anderen"; "Treten Sie Ihrem Gegner zu nah"; "Machen Sie Vorwürfe jenseits des Inhalts"), die noch provozierend und für manchen befremdlich genug sind (wenn er beim Lesen überhaupt so weit gekommen ist).
Doch dann kommen die "Checklisten", ein Tiefpunkt, mit dem das Buch endet. Da wird die Ebenbürtigkeit eines Feindes getestet. Sehr positiv ist es zum Beispiel, wenn der Feind "Respekt vor meiner Person zeigt". Interessant, das von ihm zu erwarten - wo mir selbst doch als Leser geraten wird, ihn zu unterbrechen und im zu nahe zu treten ... Das "Formular zur Beendigung einer niveaulosen Feindschaft" (eine Art Brief mit dem Satz "Ich stehe Ihnen ab heute nicht mehr für ein Streitangebot zur Verfügung") und die "Traueranzeige für einen niveauvollen Exfeind" sind einfach nur noch peinlich.
Wer vom Gutmenschen, der sich alles gefallen lässt, zu jemandem werden will, der (echten, nicht konstruierten) Feinden und Konkurrenten effektiv Paroli geben kann, der sollte die "Peperoni Strategie" von Jens Weidner lesen. Auch dieses Buch hat zwei 1-Sterne-Bewertungen, doch ich kann es empfehlen.