Vorwort
Alles begann im Mai 2004 - damals, als die Zeitschrift BRIGITTE 50 Jahre alt wurde. Wir hatten prominente Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen, der BRIGITTE-Redaktion eine Frage zu stellen. Die Antwort sollten sie dann in unserem Jubiläumsheft bekommen.
Eine von ihnen war die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Sie wollte - damals - von BRIGITTE wissen: "Was können Männer tun, um die Gleichberechtigung der Frauen in allen Lebensbereichen zu verbessern?" Die richtungweisende Reaktion des BRIGITTE-Psychologen Oskar Holzberg: "Ich fürchte, wir Männer können da wenig machen. Zum einen müssten wir das tun, was uns am schwersten fällt: Privilegien abgeben. Und vor allem: umdenken. Zum anderen frage ich mich, unter welchen Bedingungen Emanzipation wirklich stattfindet. Wir Männer können sie für die Frauen nicht machen..."
18 Monate später war Angela Merkel dort angekommen, wo sie es den Männern zeigen kann. Im Bundeskanzleramt. Ihre Wahl zur ersten deutschen Regierungschefin markierte nun auch hierzulande den Beginn einer neuen Ära. Wie einst Indira Gandhi, Golda Meir oder Margaret Thatcher haben immer mehr Frauen die Macht im Staate übernommen: in Bangladesh, Chile, Finnland und Irland zum Beispiel, in Lettland, Liberia, Mosambik und Neuseeland, auf den Philippinen und auf Jamaika. Selbst bei der Weltmacht USA sind gleich zwei Anwärterinnen aufs Weiße Haus im Gespräch - die jetzige Außenministerin Condoleezza Rice und Senatorin Hillary Clinton.
Doch die Tatsache, dass uns ein Wort wie "Bundeskanzlerin" jetzt ganz selbstverständlich über die Lippen kommt, sagt nichts über die gerechte Verteilung der politischen Verantwortung. Da sind die Männer weiterhin in der Überzahl. Erst recht in so "Machtvollen" Ressorts wie Justiz, Finanzen oder Wirtschaft; in den Bundesländern wird nur jedes vierte von einer Frau geleitet. Oder sollte es heißen: "schon jedes vierte"? Jede Führungsfrau - egal, ob in Wirtschaft oder Politik - weiß um die Hürden und Intrigen auf dem Weg nach oben. Zum Beispiel SPD-Frau Ute Vogt, stellvertretende Parteivorsitzende und Landeschefin in Baden-Württemberg: "Ich musste immer kämpfen", sagte sie in einem BRIGITTE-Dossier über Politikerinnen in Deutschland. "Ich fände es gut, wenn das mehr
Frauen tun würden."
Und sie hatte eine Idee - damals, im Mai 2004. Denn auch von ihr bekamen wir eine Frage fürs BRIGITTE-Jubiläumsheft. Aber die hat uns, ehrlich gesagt, kalt erwischt. Ute Vogt, zu jener Zeit noch Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium, wollte von uns wissen: "Wann gibt es ein BRIGITTE-Seminar für angehende Politikerinnen?"
Darauf hätten wir ja selbst mal kommen können, maulten wir mit uns.
Mehr Frauen in die Politik - das ist seit Jahren unser erklärtes Anliegen.
Und BRIGITTE-Seminare haben schließlich eine lange, überaus erfolgreiche Tradition, gerade bei Themen rund um Job und Karriere. "Aber bei guten Ideen soll man sich nicht ewig damit aufhalten, wer sie zuerst hatte", antworteten wir Ute Vogt. "Wir sind bereit, ganz im Ernst. Wenn Sie mitmachen, am besten als Seminarleiterin. Hören wir von Ihnen?"
Der Brief ließ nicht lange auf sich warten. Ein ganzes Wochenende als Seminarleiterin - das wäre mit ihrem Terminkalender leider nicht zu vereinbaren.
Aber Ute Vogt machte uns das großartige Angebot, als Referentin aufzutreten, über ihre Laufbahn, von ihren Erfahrungen im politischen Alltagsgeschäft zu berichten und mit den Teilnehmerinnen zu diskutieren.
So weit war alles klar. Nur die Seminarleiterin fehlte uns noch. Doch da zeigte sich wieder einmal, warum erfolgreiches Netzwerken so wichtig ist. Durch die "IT-Akademie für Frauen" - ein gemeinsames Projekt von Brigitte und dem Technologiezentrum Siegen - kannte ich Angelika Pfisterer von der Akademie Wilhelmshöhe in Pforzheim, dem Wahlkreis von Ute Vogt. Auch die beiden kannten sich - und wir konnten dort das erste BRIGITTE-Seminar "Frauen in die Politik" ankündigen. Vom 26. - 28. November 2004. Im Mittelpunkt: Ute Vogt und ihre Informationen aus erster Hand: Welcher Einstieg macht Sinn? Wie verlaufen politische Karrierewege?
Was sind die Dos and Don´ts auf der politischen Bühne? Angelika Pfisterer, Beraterin und Coach, übernahm die weiteren Programmpunkte, z.B.: Der überzeugende Auftritt. Stressmanagement. Reden, argumentieren, überzeugen.
Die Reaktion unserer Leserinnen hat uns nicht enttäuscht. Mehr als 40 Frauen aus der gesamten Bundesrepublik wollten nach Pforzheim kommen.
Nach der erfolgreichen Premiere für uns Grund genug, 2005 noch ein zweites Seminar zu planen. Diesmal entschieden wir uns für Berlin und den Termin 22. - 24. September. Was bei der Vorbereitung allerdings niemand ahnen konnte: Am Sonntag zuvor fand die außerplanmäßige Bundestagswahl statt. Ebenso wenig vorauszusehen war der Polit-Trubel
der folgenden Tage, der Berlin und die ganze Nation in Atem hielt. Ute Vogt kam trotzdem ins Seminar. Dafür bedanken wir uns auch an dieser Stelle aufs Herzlichste.
Eins wissen wir: Die Teilnehmerinnen der BRIGITTE-Seminare "Frauen in die Politik!" sind hoch motiviert nach Hause gefahren. Nun sind wir gespannt, wen wir eines Tages in Gemeinde- oder Länderparlamenten und im Bundestag erleben werden.
"Auch die längste Reise beginnt mit einem Schritt." Wer der alten chinesischen Weisheit folgt, findet in diesem Buch so viele wertvolle Anregungen und Tipps, dass ein Einstieg in die Politik mit Sicherheit zur spannenden Perspektive werden kann.
Und dann sehen es engagierte Frauen eines Tages hoffentlich genauso wie die erste deutsche Ministerpräsidentin Heide Simonis: "Politik ist wie Chips essen: Wenn man mal angefangen hat, muss die Tüte leer gemacht werden."
Barbara Voigt
BRIGITTE-Redakteurin