Jerry Goldsmith war für mich einer der bedeutendsten Filmkomponisten überhaupt. Zu mehr als über 200 Filmen lieferte er die Musik und überraschte jedes Mal mit seinen ausgefeilten Themen, Rhytmen und Schemen. Das Besondere an seiner Musik ist wahrscheinlich auch die Gewissenhaftigkeit, mit der er zu Werke ging und seine brillianten Actionpassagen, die sich durch Komplexität, rasante Themen und brilliante Instrumentation auszeichnet, jedoch schaffen es auch seine ruhigen Passagen zu überzeugen. In dem heiß umstrittenen gesellschaftskritischen Werk "Rambo - Erstes Blut" konnte Goldsmith einmal wieder sein Können unter Beweis stellen, und er hat uns weiß Gott nicht enttäuscht.
Schon beim ersten Stück schafft Goldsmith es, mit seinem John Rambo zugedachten Hauptthema, uns die genaue Beschaffenheit und den Charakter der Titelfigur zu zeigen. Rambo war einst Soldat in Vietnam, jetzt ist er ein Veteran und zieht von Ort zu Ort. Goldsmith ließ daher sein Thema von einer Solo-Trompete interpretieren, was dem Ganzen sofort einen militärischen Touch verleiht. Allerdings ist das Thema mehr wie ein Zapfenstreich als eine heroische Fanfare gehalten, um zu zeigen, dass es mit Rambos Soldatenkarriere lange vorbei ist. Das Thema ist melancholisch aber zugleich stolz, spiegelt also perfekt den Charakter und die Gefühle des Vietnamveterans wieder.
Jerry Goldsmith komponierte in einigen seiner Filmmusiken für einen Film nicht viele Themen, kostete diese aber umsomehr aus. So auch hier. Eigentlich hat dieser Film nur dieses eine Hauptthema, aber Goldsmith schafft es, wie auch in anderen Filmen, dieses Thema perfekt zu variieren. So erklingt es zuerst hoffnungsvoll und melancholisch, dann heroisch, dann verträumt, hier exotisch, da düster und so weiter.
Außerdem konnte Goldsmith auch hier sein Talent für umwerfende Actionpassagen unter Beweis stellen. Man sollte hier allerdings keine vollorchestrierten Actionpassagen auf voller Lautstärke, am besten noch mit Chor und vielen Streichern hoffen, dazu sollte man lieber zu "Der dreizehnte Krieger" und "der erste Ritter" greifen, nein, die meisten Actionpassagen sind in mezzoforte und hauptsächlich von einem hämmernden Klavier gespielt, untermalt mit zurückhaltenen tiefen Streichern. Die Actionphrase besteht jeweils aus 5/8 und 7/8 Takten, was einmal mehr Beweis für Goldsmiths Vorliebe für komplexe Taktgefüge ist. Und Möglichkeiten für Actionpassagen bietet der Film ja nun wirklich genug. Jedoch hat Jerry Goldsmith sich auch nur auf hauptsächlich zwei bis drei Actionthemen beschränkt. Nichtsdesto trotz ist ein Genuss, diese immer und immer wieder durch die Boxen in die Gehörgänge zu jagen.
Die CD-Veröffentlichung enthält so ziemlich die komplette im Film zu hörende Musik. Jerry Goldsmith schrieb original für den Film viele kleine Stücke von einer halben Minute Länge, die hier, jedoch äußerst geistreich, zu längeren Suiten zusammengestellt wurden, ohne jedoch die Struktur der zuammengestellten Stücke anzutasten. Die Reihenfolge der Stücke wurde völlig verändert. So beginnt die Musik im Film zum Beispiel mit dem ersten auf der CD eingespielten Stück, jedoch ist die zweite Musik, wo Rambo das Fischerdorf verlässt und auf der Straße weiterwandert in Stück Nummer Sieben von 00:57 - 2:00 zuhören. Trotzdem kann man sich über die vorliegende Bearbeitung nicht beschweren, da sie klanglich einwandfrei ist, die komplette Filmmusik enthält und auch noch die instrumentale Fassung des Schlussliedes "It's a long road", welche beide auf dem Hauptthema beruhen.
Alles in Allem: Es lohnt sich. Jerry Goldsmith hat hier eine geistreiche und komplexe Filmmusik mit vielen bemerkenswerten Stellen und guten Themen geschaffen. Die zum ersten der dreiteiligen "Rambo"-Serie komponierte Musik ist im Gegensatz zu deren Nachfolgern komplett orchestral, jedoch sind die anderen gelungen. Ich persönlich rate, auch die anderen beiden Filmmusiken zu "Rambo" nicht zu verpassen.