Diese 7. Sinfonie, im Jahre 1884 im Leipziger Stadttheater vom Gewandhausorchester Leipzig unter dem Dirigenten Arthur Nikisch uraufgeführt, brachte Bruckner den Durchbruch in der Kulturszene des damaligen deutschen Reiches - mitten im Deutschland Bismarcks hatte man einen neuen Star der romantischen Symphonie.
Und ca. 110 Jahre später hat die Symphonie mit dieser Münchner Aufnahme unter Celibifache erstmals auch interpretatorische Vollendung erfahren.
Der 1. Satz ist - besonders in seiner Duerchführung - ein Meisterwerk modernder Kontrapunktik. Hier wird klar, dass Bruckner es meisterhaft verstand, Gegenstimmen zu vordergründigen Tonfolgen zu erfinden. Und Celibidache ist insofern ein kongenialer Dirigent, als er die kontrapunktischen Eingebungen Bruckners nie zugunsten (vorgeblicher) thematischer "Prioritäten" opfert, sondern den Gegenstimmen das verdiente Gewicht verleiht. Allerdings verliert er dabei nie den "roten Faden", die großen melodischen und dynamischen Entwicklungslinien aus dem Blick, er verliert sich nicht - wie manchmal behauptet wird - in der komplexen Kontrapunktik. Vielmehr wird das Organische, Wachsende, Konvergierende in dieser Musik umgesetzt.
Emotion und Geist halten sich hier in geradezu archetypischer Weise die Wage. Das weitgespannte Hauptthema ist ur-romantisch, es kommt aus einem ganz tiefen Grunde. Hier zeigt Celibidache bereits, was man von dieser Aufnahme erwarten kann: Die E-Dur-Terz in den Violinen, das sich in den Celli und dem Horn erhebene Thema, wird hier mit Nuancen präsentiert, wie man sie wohl in keiner anderen Aufnahme findet.
Es ist schwer, dieses Wunder des 1. Satzes unter Celibidaches Ägide in Worte zu fassen. Es ist das Erkennen von tieferen Seinsschichten in dieser Musik, welches begeistert; das Erkennen von großen Zusammenhängen, das stetige Wachsen- und Abfallenlassen, das Wiederaufbauen, das Entwickeln der Musik, welches sie heraushebt. Andere Dirigenten stürzen sich nur in Vordergründiges und sind bereits zufrieden, wenn sie ein wenig Dramatik in die Aufführung bringen; allein, sie erkennen die Hintergründe dieser Musik nicht. "Celi" schon.
Auch die Klangakkumulationen in den Holz- und Blechbläsern zum Ende dieses Satzes sind nicht einfach laut und grell, sondern höchst differenziert und in geradezu magischer Weise "abschließend".
Der 2. Satz gelingt so gut wie der 1. Allerdings ist Celi hier nicht so allein an der interpretatorischen Spitze, da es andere wirklich gute Aufnahmen dieses Satzes gibt. Dennoch ist der Celi-Stil allgegenwärtig: Butterweiche Eingänge, differenziertes Forte, weitgespannte Bögen, akribische rhythmische Genauigkeit, tiefgründige innere Dynamik und Logik der Musik.
Der 3. Satz ist der einzige Schwachpunkt dieser Aufnahme: Das Scherzo soll laut Anweisung Bruckners "sehr schnell" gespielt werden. Bruckner sah seine rhythmisch geprägten, oft abgründigen Scherzi als Antipoden zu den anderen Sätzen. Hier wollte er aufmischen, um im Finale neu ordnen zu können. Hier wollte er das Derbe in der Musik hervorkehren, das Ländliche, Zupackende. Wie auch in anderen Symphonien sieht Celibidache dies (bedauerlicherweise) anders und spielt auch dieses Scherzo konsequent wie einen Ecksatz. Das Trio ist besser, hier passt Celi's Herangehensweise wieder. Aber gerettet werden kann der nicht begeisterungsfähige Satz dadurch nicht.
Das Finale, aus drei Themengruppen bestehend, wird oft als zu kurz, dieser ansonsten grandiosen Komposition nicht würdig bezeichnet. Ich halte dies für groben Unfug. Das bewegte Eröffnungsthema mit seinem pointierten Rhythmus knüpft an das Hauptthema des 1. Satzes an; das choralartige Folge-Thema ist ein echter Höhepunkt; auch das dritte Thema vermag zu überzeugen. Die "conclusio" am Satzende ist sehr überzeugend, und Celibidache versteht es wie sonst keiner, uns diesen Satz als logische Konsequenz des Vorangegangenen zu präsentieren. Man mag sich einen Schlussatz mit langen Durchführungen, mit mehr Chromatik, mehr Umnfang gewünscht haben - nichtsdestotrotz ist dieser Ausgang als "letztes Wort" es Komponisten zu seiner Symphonie zu akzeptieren. Der Satz ist denn auch alles andere als ein belangloser Kehraus, sondern eines Abschlusses dieser populären Symphonie würdig. Celi begeistert hier vor allem dadurch, dass er sich voll auf diesen v.a. rhythmisch geprägten Satz einlässt und Klangfarben hervorgeht, die in anderen Aufnahmen schlichtweg untergehen.
Bottom line: Eine grandiose Aufnahme; vielleicht ist der 1. Satz der beste Bruckner-Satz, den Celi je aufgenommen hat.