Celibidaches Bruckner-Interpretationen sind immer sehr eigenwillig und subjektiv - das ist auch der Grund, warum sie meiner Meinung nach keinen Referenzstatus beanspruchen können. Zu sehr ist der schwierige und sturköpfige Maestro unter Mißachtung der Brucknerschen Partiturvorschriften seine eigenen Wege gegangen, obgleich Bruckner (wie auch später Mahler) zu seinen Stücken stets sehr detaillierte und konkrete Spielanweisungen gegeben hat. Interpreten wie Wand und Sanderling sind in deren Befolgung gewissenhafter gewesen.
Ein Kennzeichen des "späten" Celibidache waren seine behäbigen, breiten Tempi. Auch diese Bruckner-Vierte legt davon ein beredtes Zeugnis ab: Inbesondere im Finale ist vieles sehr ausufernd geworden; der "große Bogen" geht dann schon einmal verloren. Man muß Geduld aufbringen, um dem Verlauf weiter folgen zu können.
Aber diese Geduld wird belohnt: Selten habe ich das Finale spannungsgeladener und mitreißender gehört! Insbesondere die Coda ist ein Erlebnis: Man kommt sich vor wie einem düsteren Raum, der dann ganz plötzlich nach und nach von gleißendem Licht durchflutet wird - ein ganz fantastischer Effekt, den Celibidache dramaturgisch gekonnt vorbereitet und durchführt!
Wie immer entlockt Celibidache der Partitur so manche Details, die man bei anderen Aufnahmen nicht zu Gehör bekommt (in der Coda zum Beispiel ein Streicher-Motiv, das dann später von den Hörnern übernommen wird).
Kurz: Zwar keine Referenz, aber eine sehr interessante Aufnahme, die jeder Bruckner-Liebhaber kennen sollte. Für Anfänger würde ich sie nicht empfehlen, beginnen sollte man als solcher eher mit den ebenfalls exzellenten Aufnahmen von Wand (Berliner Philharmoniker, RCA) oder von Kurt Sanderling (Hänssler). Doch danach sollte man sich irgendwann unbedingt auf Celibidaches Aufnahme einlassen - ein eindrucksvolles Hörerlebnis ist garantiert!