Free zählen ohne Zweifel zum Besten, was aus der englischen Rockmusik der 60er Jahre hervorgegangen ist. Wie so viele ihrer zeitgenössischen Branchenkollegen ließen sich auch Free vom unerschöpflichen Reichtum des Blues inspirieren, entwickelten aber gleichzeitig einen gänzlich eigenständigen und unverkennbaren Stil. Im Gegensatz etwa zu Led Zeppelin, welche in erster Linie das härtere, aggressive Potential des Blues ausloteten und damit zu Wegbereitern des Hardrock und Heavy Metal wurden, kultivierten Free stärker die sanfteren, einfühlsamen Seiten dieser Musikrichtung (wenn man einmal vom schweren Rock ihres Debutalbums absieht). Als stilprägend erwiesen sich hierbei die beiden Ausnahmemusiker an der Spitze von Free, Paul Rodgers und Paul Kossoff. Die unangestrengte, brüchig anmutende Stimme Rodgers unterscheidet sich deutlich vom einpeitschenden Gesangstil vieler Rocksänger und erinnert eher an den Soul; Kossoffs unaufdringliche, feinfühlige Gitarrenarbeit erschließt sich nur dem aufmerksamen Zuhörer. Effekthascherei ist dieser Band gänzlich fremd. Sie vertraut vielmehr auf die Stärke ihres Songmaterials sowie ihre instrumentellen Interpretations- und differenzierten Ausdrucksfähigkeiten. Spannung beziehen die Songs von Free aus dem Gegensatz der meist federleichten Melodieführung Rodgers und Kossoffs zu der druckvollen, dynamischen Rhythmusarbeit Frasers und Kirkes, atmosphärisch bewegen sie sich zwischen den Extremen fröhlicher Unbeschwertheit und tiefer Traurigkeit.
"Fire and Water" nun präsentiert sich mit einem deutlichen Übergewicht zugunsten der schwermütigen, stark am Blues orientierten Songs, die von seelischem Schmerz und Enttäuschung erzählen. Herausragend unter diesen sicherlich die phantastische Ballade "Don't say you love me", die durch den spärlichen, akzentuierten Einsatz der Instrumente und den großartigen Gesang Rodgers' glänzt. Doch auch das Titelstück mit seinem einprägsamen Gitarrenriff, das soulgefärbte "Oh I wept", das klavierbestimmte "Heavy Load" oder das mit einem ungewöhnlich langen Bass-Solo ausgestattete "Mr. Big" bieten erstklassige Qualität und vermitteln eine hohe atmosphärische Dichte. Den stimmungstechnischen Kontrapunkt setzt - neben dem positiv verklärten "Remember" - der damalige Chartbreaker "All right now" mit seiner simplen aber wirkungsvollen Akkordstruktur und leichtherzigen Boy-meets-Girl-Thematik. Alles in allem also kein Partyalbum, sondern eine Scheibe, der man gebührende Aufmerksamkeit schenken sollte.
Diese digital überarbeitete Version von "Fire and Water" bietet neben den genannten sieben Originalen noch zusätzliche Alternativversionen als Bonustracks. Diese stellen, gerade auch angesichts der im Original bedauerlich kurzen Spielzeit, eine willkommene Ergänzung dar, belegen sie doch die musikalische Fertigkeit einer Band, die über ihre Kompositionen souverän verfügt und sie nicht sklavisch nach Schema F herunterspielt. Erstaunlich ist allerdings die Tatsache, daß nicht weniger als drei Alternativversionen von "All right now" integriert wurden, leistet ein solches Vorgehen doch einer weitgehenden Identifizierung von Free mit diesem Titel, gegen die in den sleeve notes explizit argumentiert wird, ungewollt Vorschub. Ist dies nicht weiter tragisch, so bleibt doch ein Wermutstropfen zum Schluß: Weshalb war es nicht möglich, die Songtexte in dieser ansonsten fein gestalteten Edition mit abzudrucken? Rechtliche Probleme können es kaum gewesen sein, waren sie doch in der ebenfalls von Island Records herausgegebenen nicht remasterten Version noch dabei. Ärgern wird man sich über diesen Lapsus angesichts der exquisiten Musik nicht lange, schade ist es aber doch, daß es für die ultimative Edition von "Fire and Water" wieder nicht gereicht hat.