Neue Zürcher Zeitung
Erinnerung an Finnland
Eine Hommage von Wolfram Dufner
Die ersten Stationen einer diplomatischen Laufbahn prägen sich besonders ein. Wolfram Dufner, der seine Karriere 1991 als Botschafter in Bern beschloss, hat die Erinnerungen an seine Erlebnisse in Finnland aufgezeichnet, wo er bei der Handelsvertretung der Bundesrepublik Deutschland von 1954 bis 1958 tätig gewesen war. Es war die Ära von Passikivi und Kekkonen, als Finnland vorsichtig bemüht war, in enger Anlehnung an den östlichen Nachbarn einen neuen Weg zu suchen. Diese Politik war nicht populär, und es bedurfte ausserordentlichen Geschicks, die Lage unmittelbar nach Kriegsende zu meistern.
Dufner lässt die prekäre Situation Finnlands, das damals zwischen Wollen und Müssen hin und her gerissen war, in eindrücklicher Weise wieder aufleben. Das Land hat den jahrelang dauernden politischen Balanceakt zwischen Ost und West mit Geduld und Ausdauer überstanden. Ein Höhepunkt war in dieser Zeit 1955 die Rückgabe von Porkkala, die in Finnland Hoffnung auf ein Nachlassen des sowjetischen Druckes erweckte, bis die brutale Intervention gegen die ungarischen Freiheitskämpfer ein Jahr darauf die hochgespannten Erwartungen enttäuschte.
Mit Einfühlungsvermögen beschreibt der Autor die ersten Eindrücke von dem Land. Ernüchternd ist der Anblick der altersgrauen Fassaden der Innenstadt von Helsinki, über der ein süsslich-schwefliger Duft von russischem Dieselöl liegt; das Warenangebot ist knapp. Erst die Bekanntschaft mit der herrlichen Landschaft des mit Seen und Wäldern dicht durchsetzten Landes lässt die Kraft des finnischen Volkes erahnen, das sich den schwierigen Umständen zum Trotz immer wieder durchsetzt. Die Natur ist, so empfindet es Dufner, eine unversiegbare Quelle von Finnlands Stärke.
Wer vom Verfasser eine rein diplomatisch-kühle Berichterstattung erwartet hat, wird angenehm überrascht sein. Dufner hat über die wirtschaftlichen Belange hinaus, welche die Handelsvertretung zu regeln hatte, regen Kontakt mit dem Kulturleben Finnlands gewonnen. Er bewegte sich in literarischen und künstlerischen Kreisen und begegnete neben vielen anderen auch dem weit über die Landesgrenzen hinaus verehrten Komponisten Jean Sibelius. So werden Dufners Erinnerungen zu einer Hommage an ein kleines Land, das auch durch die damalige widrige Situation in seiner Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht entmutigt wurde.
Wolfram Dufner schliesst seine Erinnerungen ab mit einem Wiedersehen vierzig Jahre später. Im Januar 1999 hat er noch einmal Finnland besucht. Das Land hat sich gewandelt, ist lockerer und wohlhabender geworden. Der russische Druck ist geschwunden. Die wichtigsten Handelspartner Finnlands liegen jetzt im Westen. Durch die Zeilen aber geistert immer wieder ein wenig Sehnsucht nach der alten Zeit, die wohl schlimm war, aber gerade dadurch einen eigenen Reiz bekommen hat. Und die finnischen Partner bestätigen Dufner mit Nachdruck, dass ihr Herz an der kargen Heimat hängt: «Auf dem Kontinent ist es mir zu eng, ich habe doch Finnland.»
Alfred Cattani
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 11.09.2000
Mit Sympathie bespricht Alfred Catani diesen Band mit Erinnerungen eines deutschen Diplomaten an das Finnland der fünfziger Jahre, die der Rezensent als die Zeit der vorsichtigen Anlehnung an den übermächtigen östlichen Nachbarn und der Hoffnungen auf Entspannung schildert, die durch den sowjetischen Einmarsch in Budapest zerstört wurden. Eindringlich, so Cattani, beschreibe Dufner die Armut jener Zeit, die grauen Fassaden der Hauptstadt und die Luftverschmutzung durch russischen Diesel. Cattani betont aber auch, dass Dufner mit Liebe die Schönheiten der finnischen Landschaft besingt und am Kulturleben Helsinkis rege teilgenommen hat. Unter anderem sei er dem Komponisten Jean Sibelius begegnet.
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