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Vorwort
Wie heißt es doch so schön: Spielend lernt der Mensch seine Umwelt kennen, und in ganz besonderem Maße gilt dies natürlich für die Allerkleinsten. Mit jedem neuen Tag gehen sie auf Entdeckungsreise in eine ihnen noch vollkommen fremde Welt, in der es allerhand zu erleben, zu erfahren und - in des Wortes ursprünglichster Bedeutung -zu begreifen gibt. Durch ihre natürliche Neugier und ein für uns Erwachsene beinahe unbegreifliches Durchhaltevermögen eignen sie sich auf diese Weise all die Fingerfertigkeiten an, die sie im Laufe des Lebens benötigen. An Ihnen als Eltern liegt es nun, Ihr Kind und die Entwicklung seiner Fertigkeiten gezielt zu fördern, spielerisch zu fördern, denn eines ist gewiss: Spielen bildet den Charakter, hat nachweislich positiven Einfluss auf die Kreativität und stärkt das Selbstbewusstsein.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen bei der Auswahl der für Sie und Ihr Kind passenden Spiele helfen. Neben zahlreichen Fingerspielen unterschiedlichster Art - einige davon werden Sie noch aus Ihrer eigenen Kindheit kennen - habe ich detaillierte Anleitungen und weitere nützliche Tipps zum Gebrauch hinzugefügt, mit einem Wort: Sie können sofort loslegen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrem Kind viel Freude beim gemeinsamen Spiel und allzeit die nötige Muße.
Bernd Brucker
Kapitel 1
Einführung
Eine lange Tradition
Wer erinnert sich nicht daran zurück: »Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen ...« Diese Zeilen hat sicher jeder schon einmal - oder besser gesagt zigmal - gehört, und tatsächlich gehört dieses wohl bekannteste Fingerspiel auch heute noch zu den beliebtesten überhaupt. Ein echter Evergreen, sozusagen, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Damit sind wir auch schon beim Thema: Fingerspiele haben in unserer Gesellschaft eine lange Tradition. Sie sind ein lebendiges Stück Kultur, das bereits Jahrhunderte überdauert hat, und das auch in Zukunft weiter leben wird. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass zumindest die gebräuchlichsten Spiele auch im heutigen Medienzeitalter noch immer mündlich überliefert werden. Und beinahe noch erstaunlicher: Über die ganze Zeit bewahren sie mehr oder weniger ihren Ursprung, von einzelnen Modernisierungen und regionalen Besonderheiten einmal abgesehen. Diesen Umstand verdanken wir in erster Linie der Tatsache, dass sie kinderleicht gelernt und auch behalten werden können, was wiederum an der speziellen Form liegt: Zumeist sind es einfache Verse in Reimform. Inhaltlich beschäftigen sie sich mit den verschiedensten Dingen und Lebensbereichen, gelegentlich finden sich auch so genannte Nonsens-Verse, die allein wegen des »schönen Klanges« gefallen. Kurz gesagt: Sie decken ein breites Spektrum ab und geben gleichzeitig Aufschluss darüber, was zu welcher Zeit als kindgerecht empfunden wurde. Und hier hat sich in der Tat im Laufe der Jahre viel getan. Vor allem werden Kinder in der Gegenwart als Kinder angesehen, und nicht wie noch bis ins letzte Jahrhundert hinein als kleine Erwachsene. Dementsprechend betrachten wir heute manches, was wir finden, mit einem Schmunzeln, anderes eher kritisch, weil es eindeutig nicht mehr zeitgemäß ist. Dies gilt insbesondere für jene Verse, die allzu stark moralisieren und zu viel Wert auf den erhobenen Zeigefinger legen. Konsequenterweise haben solche Zeilen hier keinen Platz gefunden. Die Zusammenstellung in diesem Buch ist eine Mischung aus alten und neuen Spielen, die sich in der Praxis bewährt haben und täglich aufs Neue bewähren. So etwas wie eine autorisierte oder einzig gültige Fassung einzelner Spiele gibt es jedoch nicht. Vielmehr bestehen eine Vielzahl verschiedener Varianten nebeneinander. Zögern Sie also nicht - falls Sie eine kennen -, Ihre eigene Version zu spielen, wenn sie Ihnen besser gefällt.
Warum dann aber überhaupt ein Buch, wenn doch Fingerspiele, wie behauptet, noch immer mündlich überliefert werden? Ganz einfach: Aus praktischen Gründen! Auf diese Weise behält man bei der Vielzahl an Versen besser den Überblick und es fällt leichter, eine Auswahl zu treffen. Der Erste, der damit anfing, volkstümliche Fingerspiele zu sammeln und neue selbst systematisch zu entwickeln, war der Pädagoge Friedrich Fröbel. Sein Buch Mutter- und Kose-Lieder, wie auch Lieder zu Körper-, Glieder- und Sinnenspielen fand zu seinen Lebzeiten allerdings nur wenig Anklang. Fröbel, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte und auch als »Erfinder« des Kindergartens gilt, hatte schon damals Vorstellungen über die Erziehung von Kindern, mit denen er seiner Zeit weit voraus war. So sah er beispielsweise das Spielen als elementar für die Entwicklung an, nicht zuletzt, weil es dem Kind wichtige Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Entgegen der herrschenden Meinung seiner Zeit war für ihn die spielerische Beschäftigung mit Kleinkindern weit mehr als reiner Müßiggang. Heute zum Glück ein unbestrittener Fakt! Aber: Spielen ist (auch!) ein schöner Zeitvertreib, der Kindern wie Erwachsenen Spaß machen soll und nicht nur einen pädagogischen Zweck erfüllt. Um es auf den Punkt zu bringen: Nehmen Sie die Sache nicht zu ernst! Spielen Sie!
Verschiedene Fingerspiele
Fingerspiel ist nicht gleich Fingerspiel! Möglicherweise eine überflüssige, weil banale Aussage, aber die Fragestellung bei der Zusammenstellung der vorliegenden Spielesammlung war folgende: Wie gelingt es, die verschiedenen Spiele so unter einen Hut zu bringen, dass die Reihenfolge einen inhaltlichen Sinn ergibt und gleichzeitig für Sie, den Leser, leicht nachvollziehbar ist? Die Antwort lautet: Möglichst übersichtlich soll es sein, damit Sie sich jederzeit zurecht finden und wissen, wo Sie was schnell finden können. Eine Unterteilung nach rein inhaltlichen Gesichtspunkten, also etwa nach Versen aus der Tier-, Pflanzen-, Menschen-, Fantasiewelt, etc. schien mir wenig zweckmäßig. Entstanden ist schließlich ein Ordnungsprinzip nach unterschiedlichen Spieltypen.
Den Anfang machen dabei die so bezeichneten Kosespiele oder auch Krabbelspiele. Dabei handelt es sich um Spiele, die hauptsächlich dazu dienen, mit dem Kind in Kontakt zu treten, es anzusprechen, zum Lachen zu bringen. Sie verlaufen alle mehr oder weniger nach dem gleichen Muster: Der Erwachsene spricht einen Vers und führt dabei bestimmte Rituale aus, wie zum Beispiel am Körper des Kindes entlang zu krabbeln, es zu streicheln, zu drücken, zu kitzeln, ihm die Hand zu schütteln, usw. Hierunter fallen unter anderem auch Trostreime wie »Heile, heile Gänschen«, denen ein eigener kurzer Abschnitt gewidmet ist. Das Kind hat dabei eher eine passive, eine wahrnehmende Rolle. Die eigenen Finger werden noch nicht gezielt bewegt.
Als nächstes kommen die Zeigespiele. Ihnen ist allen zu eigen, dass die Finger in irgendeiner Form benannt werden, indem zunächst der Erwachsene darauf zeigt. Bekanntestes Beispiel ist das bereits an vorheriger Stelle erwähnte »Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen ... « Die Absicht dahinter ist, dass das Kind lernt, die einzelnen Finger unabhängig voneinander zu bewegen. Die Feinmotorik wird geschult und gleichzeitig das Sprachgefühl. Später dann soll das Kind auch in der Lage sein, auf bestimmte Dinge zu zeigen und diese zu benennen.
Dem schließen sich an die Zählspiele, eigentlich eine Unterform der Zeigespiele. Anstelle von Begriffen werden den Fingern unterschiedliche Zahlen zugeordnet oder beides miteinander kombiniert. Es geht darum, ein Gespür für Reihenfolgen zu entwickeln. Sinnvollerweise werden die Zählspiele erst gespielt, wenn das Kind bereits so etwas wie grammatische Strukturen beherrscht, sprich einfache Sätze bilden kann.
Das nächste Kapitel befasst sich mit Aktionsspielen. Darunter ist zu verstehen, dass das Kind mit den Fingern, den Händen und den Armen bestimmte einfache Bewegungen unter Anleitung nachahmen kann. Ziel ist es, das Spiel auch...