Es handelt sich um die Übersetzung von "How far can you go?". Der Originaltitel transportiert (im Gegensatz zum deutschen) zwei Botschaften. Die manifeste Botschaft kommt auch im deutschen Titel zum Ausdruck: Es geht um Fragen der Sexualmoral, in der Zeit, in der der Roman beginnt (zweite Hälfte der 1950er Jahre), also vorrangig die Frage, wie weit ein Junge gehen darf bzw. was der Punkt ist, an dem das Mädchen "Finger weg" sagt (dass ein Mädchen selbst etwas will oder darf, war damals nicht vorstellbar). Besagter Punkt lag natürlich in den 1950er und frühen 1960er Jahren sehr weit vor der 'Gewährung' des Geschlechtsverkehrs.
Unter diesen restriktiven Umständen wächst eine Gruppe katholischer Jugendlicher auf, die das Hauptpersonal dieses Romans stellt. Als die 1960er Jahre voranschreiten, ändert sich die Welt, und auch in der katholischen Kirche wird der Ruf nach Veränderung laut, der dann mit der Enzyklika "Humanae vitae" in sexuellen Dingen weitgehend abgeblockt wird. Gerade in Fragen der Sexualmoral werden viele Gläubige dann aber eigenständig und handeln nach ihrem Gewissen. Freilich nicht alle; auf das hier besprochene Buch bezogen heißt das: Die Protagonisten erfahren sehr heterogene (Glaubens-, aber auch Lebens-)Schicksale. Keine Angst -- auch das außerkirchliche Leben nimmt in diesem Buch reichlich Platz ein, doch immer spielt das Verhältnis zur katholischen Kirche und deren Wandlungsfähigkeit eine mehr oder weniger große Rolle (und damit sind wir bei der zweiten Bedeutung von "How far can you go?"). Das Buch endet mit einem Treffen 'progressiver' Katholiken (erzählt in der Perspektive eines Filmskripts), das verdeutlicht, dass zumindest Teile der Katholiken (wie auch anderer gesellschaftlicher Milieus) sehr stark von den neuen Strömungen der 1960er Jahre (Hippies, Esoterik etc.) affiziert wurden.
Das Ganze ist aber keine Dogmengeschichte, sondern ein Roman, der - wie bei Lodge üblich - mit einiger, wenngleich hier teilweise abgemilderter Ironie erzählt wird und auch einige ernste Momente enthält. Ich selbst gehöre einer Generation an, die nur wenige Jahre jünger ist als die hier geschilderte, bin als deutscher Katholik in Süddeutschland aufgewachsen und habe insofern zwar nicht den Minderheitenstatus erlebt, den Katholiken in Großbritannien einnehmen, kann aber trotzdem sagen, dass die sexuellen, aber auch anderen Nöte der Jugendlichen gut und pointiert geschildert werden, ebenso wie das Hineinwachsen in die eigene Familiengründung und den Beruf. Auch jüngere Erwachsene könnten also dieses Buch lesen, wenn sie ein Bedürfnis haben, die Generation ihrer Eltern zu verstehen - und sich dabei ausgezeichnet unterhalten zu lassen. Protestanten und Atheisten können das Buch wahrscheinlich auch unter der Perspektive lesen, sich über die Katholiken zu amüsieren - aber ebenso Katholiken mit der Fähigkeit zur kritischen Selbstwahrnehmung.
Ich vergebe üblicherweise fünf Sterne nur bei wirklich herausragenden Werken, und danach müsste ich mich hier wohl auf vier beschränken. Ich bin aber ein Lodge-aficionado und komme daher nicht umhin, die Höchstwertung zu 'verhängen'.