Kurzbeschreibung
Klappentext
"Minimalistisch, makaber, menschlich" Mirja Martens / literaturkritik.de
Über den Autor
Auszug aus Finderlohn und andere Stories von Susanne Henke. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es noch zur nächsten Verteilung der
Dictionnaries." Den Messeplan auf den Knien ausgebreitet, unterstützt
Frauke den optimistischen Aufwärtstrend ihrer Stupsnase mit dem
Zeigefinger. Hendrik schlüpft zurück in seine Schuhe, bereut sofort, dass
er der Versuchung, seinen Fußen ein wenig Frankfurter Luft zu gönnen, nicht
widerstanden hat. Die Ausbeute von Fraukes dreistündigem Raubzug sprengt
längst das Fassungsvermögen seines Rucksacks. Die Schnüre der
großformatigen Umhängetaschen schneiden ihm ins Fleisch. Neidisch schaut er
auf den kleinen Jungen, der von seiner Mutter im Bollerwagen durch das
Bücherparadies kutschiert wird. Frauke strahlt ungebrochen
Landfrauenfrische aus. Anti-Ageing-Creme braucht sie nicht, ihr Gesicht ist
gut gegen Falten gepolstert, auf ihren Wangen leuchtet natürliches Rouge.
Kaum haben sie den Eingang zur Halle 3 passiert, werden sie mitgerissen von
der Lawine Leselustiger, aus der fünf schwarze Zipfel hervorragen. Mit
geballter Fülligkeit bahnt Frauke sich eine Schneise durch die jungen
Harry-Potter-Fans. Hendrik ist nicht schnell genug. Ein Zauberstab bohrt
sich in seine Rippen.
Könnte er sich doch damit zurück in sein Studierzimmer hexen, in den
perfekt seiner Körperform angepassten Ohrensessel und die Lektüre des neuen
Wissenschaftsmagazins fortsetzen. Die Stille seines Refugiums, das auch für
Frauke tabu ist, genießen.
Der Anzug der Mitarbeiterin am Stand des Sprachverlags schlottert um sie
herum, als hätte sie seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Zittrig und
absturzgefährdet wirkt ihr Lächeln angesichts der Meute, die sich um das
Werbematerial balgt. Fraukes kleiner Mund formt sich zu einem überraschten
"Oh". Sie schiebt Hendrik zurück in den Gang.
"Das dauert zu lange. Ich will einen guten Platz bei Ludger Langs Lesung."
Hell leuchtet das Logo des "Rat&Tat"-Verlages, dem Frauke einige ihrer
Einsichten, vom Ikebana-Kurs über die neueste ernährungswissenschaftliche
Mode bis zur Erstellung von Horoskopen, verdankt. Nie würde er die Phase
vergessen, in der sie jedermanns Ohren unter die Lupe nahm und mit einer
Charakteranalyse glänzte, die sie, ohne zu zögern, eine Woche später nach
intensivem Studium von "Was die Kopfform verrät" widerlegte.
"Loslassen!" heißt das Werk ihres aktuellen Favoriten, dessen Konterfei auf
dem Buchrücken Hendrik in den vergangenen Tagen beim Frühstück angelächelt
hat.
Überlebensgroße Versionen des gleichen Fotos flankieren die Bühne, schauen
herab auf die ungeduldigen Ratsuchenden, die im caféhausähnlichen
Zuschauerraum des Originals harren.
"Da vorne!", juchzt Frauke und prescht vor zu ihrem Platz in der ersten
Reihe. Aus ihrer Tasche fischt sie zwei Lang-Bücher, zettelgespickt und
zerlesen das eine, frisch aus der Folie das andere. Des Meisters Zeilen hat
sie persönlich über die Messe getragen. Ein roter Fleck ziert ihren Hals.
Seine Form erinnert an Sylt, doch anders als die Insel wächst er. Sie
greift nach einem Flyer zum Frischluftfächeln, hält inne. Ein
Wochenendseminar mit Lang zum Schnäppchenpreis von 1000 Euro.
E-Mail-Coaching für nur 100 Euro monatlich, Einzelberatung vom Guru
persönlich auf Anfrage. Flugs füllt Frauke die Anmeldung aus.
Hendriks Protest verhallt ungehört im Begrüßungsapplaus.
Ludger Lang erinnert ihn an den Autohändler, der ihm den "garantiert
garagengepflegten" Wagen aufgeschwatzt hat, den er zwei Monate später vom
ADAC direkt zum Schrottplatz schleppen lassen konnte. Mit federnden
Schritten, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt, tigert er auf der
Bühne auf und ab.
"Liebe Freundinnen und Freunde, ihr wollt euer Leben ändern?"
Zaghaftes Nicken, begleitet von einem schwachen, mehrstimmigen "Ja".
"Ich höre euch nicht. Das könnt ihr besser!"
Nicken bis zum Schleudertrauma, das "Ja" ist noch nicht synchron, aber
kräftiger.
"Dieses Buch wird euer Leben verändern!"
Seine Stimme klingt, als hätte er ein Stück Kreide mit Öl hinuntergespült.
Gurkenhobel könnte er auch gut anpreisen.
"Der Erfolg ist in euch - ihr seid der Erfolg!"
"Meidet Menschen, die euch negativ beeinflussen!"
Mit ausgestrecktem Zeigefinger bohrt er dem Publikum seine Weisheiten ins
Hirn. Fraukes Brillengläser beschlagen. Die ersten springen auf, drängen
nach vorn - die verbitterte Geschiedene neben dem freigesetzten Manager,
der hyperaktive Versicherungsvertreter neben der strebsamen Sekretärin.
Hendrik zieht seine Jacke fester um sich.
Lang stoppt seine Wanderung, schaut seinen Jüngern tief in die Augen.
"Wollt ihr frei sein?"
"Ja!"
"Wollt ihr reich sein?"
Mit diesem "Ja!" kann er zufrieden sein.
"Macht euch frei und werdet reich!"
Er streckt dem Publikum das Buch entgegen, tippt auf den Titel.
"Das ist der Schlüssel!"
"Lasst los, was euch gefangen hält!"
"Entrümpelt euer Leben!"
"Fangt sofort damit an - jetzt gleich!"
Die Geschiedene löst den Haarknoten, befreit sich aus ihrer Kostümjacke.
Der Manager zerfetzt sein Filofax.
Frauke, sprungbereit wie beim Schlussverkauf, lauert auf den Startschuss
für die Signierstunde, boxt ihren Nebenmann unsanft in die Rippen, erstürmt
das Podium und schiebt Lang ihre "Loslassen!"-Exemplare mit einem Blick
unter den Füller, den Hendrik noch nie an ihr gesehen hat.
Dass der Meister durch sie hindurch sieht, merkt sie nicht, saugt seinen
Anblick auf wie ein Junkie seinen Stoff, bewegt sich erst als ihr
Hintermann sie zur Seite schubst. Sie springt vom Podest, zerrt Hendrik am
Arm:
"Los, wir können den Fünf-Uhr-Zug noch erwischen. Gleich heute abend fangen
wir an. Als erstes entrümpeln wir dein Studierzimmer. Da muss alles raus!"
Sie hetzen über den Bahnhof zum letzten Gleis. Dicht gedrängt warten
Messemüde auf die Einfahrt des Zuges. Das Buch fest umklammert bahnt Frauke
sich an der äußersten Bahnsteigkante ihren Weg.
"Achtung, auf Gleis 11 fährt ein der Intercity aus Stuttgart!"
Frauke drückt den signierten Lang fester an sich, hat kein Auge für den
kleinen Jungen, der sich nach seinem Eis bückt. Sie stolpert, rutscht aus.
Hendrik packt sie am Ärmel, hält sie über dem Abgrund. Knallrot leuchten
die Lettern des Buchtitels vor ihrer Brust. Wie von selbst öffnet sich
Hendriks Hand.
Hendrik lehnt sich zurück. Der Sessel steht jetzt am Kamin. Knisternd
verzehren die Flammen Ludger Langs Einladung zum Aufbauseminar. Sein Buch
begleitet Frauke auch auf ihrer letzten Reise.¶