In unzähligen Klein- und Kleinstverlagen suchen seit geraumer Zeit, in der Regel, wie man hört, gegen eine nicht gerade knapp bemessene finanzielle Gegenleistung, zum Schreiben einfach nicht berufene Hobbyautoren ihr Glück. Sie hoffen vermutlich auf den nicht nur literarischen Durchbruch, und manchmal gelingt dies ja auch. Bekanntestes Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist Nele Neuhaus, die zunächst im Selbstverlag veröffentlichte und inzwischen als Bestsellerautorin bei List untergekommen ist. Rita Falk hat mit ihren beiden erzbajuwarischen Provinzkrimis ausnahmsweise gleich den Durchbruch geschafft, wohl weil sie in der Regionalkrimibranche einen bislang ungehörten Ton angeschlagen hat. Oder, ein drittes Beispiel, Ulrich Ritzel ist schon längst mit seinen schwebend-humorig daherkommenden, dabei leicht undurchsichtigen und irgendwie immer auch phasenweise langweiligen Ulm-Krimis in der Verlagsgruppe Random House angekommen, nachdem er zu Beginn seiner literarischen Karriere in dem vergleichsweise unbedeutenden Libelle Verlag untergekommen war. ' Was freilich die Geschäftspolitik der arrivierten Traditionsverlage betrifft, die immer wieder einmal ihre Kräfte bündeln, indem sie sich zu immer noch größeren Einheiten zusammenfinden, so tun die es ohnehin schon längst nicht mehr unter Bestseller-Niveau. Überall sieht man es auf den Büchertischen in Signalfarben prangen: Der Bestseller, welch marktschreierisches Gehabe auch nicht unbedingt zum Lesen einlädt. Sebastian Fitzeks kometenhafter Aufstieg als verkaufsträchtiger Fließbandautor, der von Buch zu Buch mit seiner zusehends eintönigen und ausgelatschten Cliffhangermacke kontinuierlich schlechter wird, ist hierfür ein besonders erhellendes und abschreckendes Beispiel.
Keine Frage also, es geht, auch Autoren unbedeutender Verlage können es schaffen und vielleicht sogar von der Vermarktung ihrer Produkte leben. Weil sie hin und wieder, was für die Strategen dieses Marktsegments wahrscheinlich noch nicht einmal ausschlaggebend ist, tatsächlich schreiben können. Dennoch, ich bin mir nach der Lektüre unzähliger Autoren und Autorinnen, die in Kleinverlagen publizieren ziemlich sicher, dass hier fast ausnahmslos literarische Nieten eine Heimstatt finden und gefunden haben, die, warum auch immer, glauben, schreiben zu können und dabei noch nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sind. Der Eindruck drängt sich immer wieder auf, dass nicht diese Pseudoautoren ihre Muttersprache beherrschen, sondern die sie. Fahranfänger neigen ja auch, wie man hört, dazu, sich selbst zu überschätzen und deswegen von einer brenzligen Situation in die nächste zu schlittern ...
Beispiele gefällig? Bitteschön. In Hannes Nygaards darüber hinaus sturzlangweiligem, weil von vorne bis hinten konstruiertem Ökokrimi 'Sturmtief' agieren in fast jedem Satz ominöse Subjekte, die in der Realität nun einmal Objekte sind. Kirchen also liegen beispielsweise nicht versteckt hinter irgendwelchen Bäumen, sondern sie verstecken oder kauern sich. Haben sie etwas zu verbergen? Das geht so das ganze Buch über und hat, weil es ungewollt geschieht, auch etwas Belustigendes. Sandra Dünschedes 'Friesenrache' laboriert an demselben Fehler, wobei sich dieser Westküstenkrimi teilweise wie ein schleichwerbender und petutantenhafter Reiseführer für die 'leckeren' Produkte von namentlich erwähnten Tortenbäckern liest, was den faden Fall ohne jede Atmosphäre auch nicht eben spannender macht. Olaf Müller hat in 'Chiffre' manch schöne, weil aberwitzige Einfälle, aber der Autor hat es dermaßen intensiv auf Wirkung abgesehen, dass man allüberall die Absicht bemerkt, dass hier einer auf Teufel komm raus mit Kabinettstückchen brillieren und sich beweisen will und entsprechend verstimmt ist. An Uwe Klausners 'Bernstein-Connection' ist zwar auf den ersten Blick sprachlich nichts auszusetzen, aber je länger ich las, desto ärgerlicher fragte ich mich, was das Ganze überhaupt soll. Hier wird im Bereich der Historie (17. Juni, 1953) derart waghalsig und sprunghaft herumexperimentiert, dass einem irgendwann alles schnurzpiepeegal ist. Reinhard Peltes 'Inselbeichte' ist inhaltlich uninspiriert, sprachlich blaß und hölzern mit dem, wie es scheint, immer wieder unvermeidlichen Hang zur Versubjektivierung von Objekten. Oder, last but not least, Andreas Stammkötters 'Messewalzer' fängt ja vielversprechend an, aber spätestens im letzten Drittel flacht der Spannungsbogen unglaublich ab, und auch sprachlich reihen sich Schnitzer an Schnitzer. Vermutlich hat der Lektor irgendwann die Lust verloren und mehr und mehr fünf gerade sein lassen.
Mein Fazit: Die kleinen Verlage auf Druckkostenzuschußbasis verderben summa summarum den Geschmack, und die großen pflastern die Büchertische mit von den jeweiligen Exzellenz-Autoren irgendwie immer gleich gestrickten und folglich auf die Dauer ermüdenden vermeintlichen Spitzenprodukten zu.
Sicher, es gibt, was die finanziell schlecht unterfütterten Verlage betrifft, die entstehende Kosten zum gut Teil durch ihre bemühten und verzweifelt ambitionierten Autoren selbst tragen lassen, Ausnahmen. Hansens 'Fördemord' oder Gudes 'Homunculus' sind solche. Und eben Mani Beckmanns in dem eben auch nicht übermäßig bedeutenden be.bra verlag erschienener 'Filmriss', auf den ich abschließend das Augenmerk lenken will. Die Hauptfigur ist zunächst ein von Grund auf unsympathischer, miesepetriger Filmkritiker, der sich für den Nabel der Welt hält und entsprechend auftritt. Rücksichtslos auftrumpfend, laut, selbstverliebt. Aber der Knabe entwickelt sich. Irgendwann war er mir richtig sympathisch. Eine Anschlagserie bringt mehr als genug Abwechslung in sein Leben. Aber gilt sie auch ihm? Er verliebt sich peu à peu, kaum dass er von seiner großen Liebe verlassen worden ist, in eine auch mir sehr sympathische Tresenkraft und stößt irgendwann mit der Nase darauf, dass in seiner Vergangenheit und der seiner drei Jugendfreunde, mit denen zusammen er mehr schlecht als recht musiziert hat, etwas schiefgelaufen sein muss. Was? Das verrate ich nicht, obwohl der Titel dieses Krimis des Rätsels Lösung andeutet. Wichtiger ist dies: Mani Beckmann ist nicht bloß der deutschen Sprache mächtig, sondern handhabt sie virtuos. Spielerisch leicht läßt er seinen Möchtegerngroßkotz von einer engen Situation in die nächste stolpern. Schmunzeln ist Trumpf! Und auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Was will man mehr?