Selten so ein belangloses Buch gelesen. Es ist unglaublich, dass so was gedruckt wurde, und noch unglaublicher, dass es sich so gut verkauft hat.
Das Ganze besteht hauptsächlich aus Tagebuchaufzeichnungen der vor einigen Jahren verstorbenen Filippa Sayn-Wittgenstein, daneben gibt es ein Vorwort und zwei Nachworte, in denen sich die Eltern und der Ehemann zu Filippa äußern, sowie von Filippa stammende Zeichnungen und Fotos, die sie zeigen. Die Tagebuchtexte sind in Kapitel gegliedert, denen jeweils einleitende Zeilen der Mutter vorangestellt sind.
Filippa wird uns also vorgestellt, doch fassbar wird sie durch ihre Tagebuchaufzeichnungen nicht: Zum einen liest es sich zäh, zum andern sind ihre Aufschriebe so nichtssagend, dass man beim besten Willen keine besondere Persönlichkeit erkennen kann.
Inhaltlich liegt es an der fehlenden Konkretheit: Es bleibt alles im Vagen, filippa verzichtet auf Anschaulichkeit, so dass wir mit den vielen Namen, die erwähnt werden, nichts anfangen können, und oft hat man den Eindruck, dass sie sich vor der Darstellung ihres eigenen innenlebens sogar drückt. So z.B. in der haarsträubenden Passage vom 21.8.95. Da schreibt sie: Ich fiel in diesen Ferien ein paar mal gehörig auf die Schnauze, lernte und gab das gelernte schnell weiter an Diejenige, die es brauchte." - ah ja, jetzt wissen wir's aber. Dann kommt sie irgendwie auf Gott und dass sie nur halbherzig betet, weil sie lieber träumt - wovon? Angeblich von Sonne, Mond und Sternen, und sie bemüht sich in ihrer unglaublich verklemmten Manier um eine metaphysische Dimension ([...] von einer Erfülltheit in Gott mit allen schönen Naturerscheinungen [...]". Zum Schluss gibt sie's doch zu: ... einem mir nahe stehenden Menschen." Aha, sie ist verliebt. Es gibt überhaupt keinen Grund, sich dafür zu schämen oder, wie es Filippa selbst ausdrückt, "um den heißen Brei" zu reden. abgesehen von ihrem schlechten Gewissen, weil sie seltener betet als sie sollte, steckt aber noch was Anderes dahinter, wie wir später lesen: Sie hat Angst, man könnte ihr tagebuch ohne "die nötige Seriosität lesen" - sie hat also bedenken, ob sie wirklich schreiben soll, was in ihr vorgeht. Und warum, zum teufel, schreibt sie dann Tagebuch, wenn ihr das andererseits doch zu heikel ist? auch wenn sie später ihre Meinung ändert, an der Grundhaltung, so scheint mir, ändert sich nichts.
Ihre Gehemmtheit ist das Hauptproblem dieses Buches und schlägt sich auch in ihrer Sprache nieder: Zunächst (in den ersten beiden Kapiteln) schreibt sie kindlich bzw. pubertär, später entwickelt sich das zurück und Filippa bemüht sich um einen gepflegten schreibstil, was mit peinlichen Pannen verbunden ist: Die Sprache wird hölzern und umständlich, leider auch da, wo es nicht angebracht ist. Über Konstantin, ihren verstorbenen Kousin, schreibt sie etwa: "Er, den zu kennen ich die Ehre hatte [...]", und so oder ähnlich gespreizt drückt sie sich immer aus, wenn es gilt, ihrem tagebuch von todesfällen o.Ä. zu berichten - Ereignisse, angesichts derer man nicht erwarten würde, dass Jemand so angestrengt um Haltung ringt. Ähnlich unpassend wirkt es, wenn sie erklärt: "Ich möchte mit folgenden Worten konstatieren, dass ich meine eltern über alles liebe." - also wirklich! Man kann natürlich auch seinem Partner während einer Knutscheerei sagen "Ich möchte mit folgendem Kuss demonstrieren, dass ich dich über alles liiebe.".
Abgesehen davon neigt sie zu Geschwätz und klammert sich an ellenlangen Aufzählungen. Man nehme das hier:
""Ich will Weinbau erlernen, Management begreifen, Museologie erlernen, Sprachen lernen, reisen, Philosophien erkunden, aufstellen, leben, den Tag nutzen, nicht wegwerfen, mein geistiges Potenzial so gut es geht ausschöpfen, dabei leben, in vollen Zügen, die Natur erkunden, helfen, beten, meine Seele nähren, mich verlieben, frei sein, unabhängig sein, heiraten, Kinder bekommen, mein Leben nutzen, anderen damit nutzen, Geschichte werden, Ruhe finden, in Ruhe leben, viel unternehmen, sehen, von mir weitergeben."
Ja, sehr beeindruckend, was sie nicht alles machen will in ihrem Leben. Aber beim Lesen fragt man sich eigentlich nur: Hat das auch mal ein Ende? Und das ist bei weitem nicht das einzige Mal, wo sich einem diese Frage stellt. Später, als sie ihrem tagebuch mitteilen will, dass sie verliebt ist, heißt es: "Die Kleene ist mal wieder total bis über beide Ohren überquillend in Liebe versunken.". Da dreht sich einem doch der Magen um. so Jemand glaubt man kein Wort von dem, was er uns sagt. Daher kommt es, dass einen Filippa so kalt lässt.
Das ist ein wesentliches Merkmal ihrer Schreibe: Sie bläht ihre Sätze gern auf. So was kommt einem Buch nicht eben zugute, wenn man beim Lesen immer meint, der Autor beherrsche seinen Stoff nicht oder wisse nicht so recht, was er uns eigentlich sagen solle.
Noch etwas zum wahnsinns Charakter": Beim Lesen glaubt man eher ein behütetes, etwas naives und ängstliches Mädchen zu hören als einen Charakter". Die angehörigen sprechen von ihrem "großen Einfallsreichtum", von ihrem "einmaligen Humor" und ihrer weltoffenheit. In dem Buch ist allerdings nicht viel davon zu merken. Wenn sie z.B. über Sekten schreibt klingt das eher so, als hätte sie eben in der Religionsstunde zum ersten Mal gehört, dass es so was Schlimmes wie Sekten überhaupt gibt und dass die Welt also so schlecht ist. Diese Passage über Sekten schließt sie dann auch noch: "Ich kann von Glück reden, dass ich sehr stark verwurzelter Katholik bin, also nicht in solche Sekten hineinrutschen kann" - Aaaaaarrrgh!
Auch als sie vom Kosowo-Krieg schreibt höre ich da keine eigene Meinung heraus: Sie rattert runter, was sie so aufgeschnappt hat (von wegen Jelzin dagegen, Angst vor Separatisten im eigenen Land) und zieht sich danach hinter ein pseudoweises Besinnen sollten sie sich auf Höheres." Zurück, m. M. nach sehr billig.
Allein die Nachworte der zwei Männer sind lesenswert; sie wirken aufrichtig und tun, nachdem man sich durch Filippas trockene und zähe Texte gequält hat, richtig gut.
Fazit:
Wenn Jemand hier meint, das Buch sei "absoluter Durchschnitt", hat er damit recht: Überhaupt nichts Besonderes und gähnend langweilig, höchstens die vielen stilistischen Ungereimtheiten haben mich unangenehm berührt. Erstaunlich an dem Buch finde ich nur seinen Erfolg.
Noch zu der frage, ob man das Buch kritisieren darf: Natürlich darf man das. es ist ein buch, das veröffentlicht wurde, und wer ein buch veröffentlicht, muss mit Kritik rechnen. Nicht wer das Buch kritisieren will muss sich die Frage stellen, ob er moralisch handelt, sondern die Angehörigen, die sich entschieden hatten, Filippas Tagebücher zu veröffentlichen
Sicher hatten die Eltern es gut gemeint: Sie wollten ihre tochter damit würdigen, aber ich fürchte, der ging nach hinten los. Filippa haben sie, denke ich, keinen Gefallen getan.