Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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57 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Phantastische Literatur zum Staunen, 15. September 2007
"Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen, auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende mündliche Darlegung fünf Minuten beansprucht." (Einleitung zu: Fiktionen" S. 13) Daraus folgt: "Aus größerer Gewitztheit, größerer Unbegabtheit, größerer Faulheit habe ich das Schreiben von Anmerkungen zu imaginären Büchern vorgezogen." (ebenda)
Borges Fiktionen sollen den Leser zum Denken anregen, es sind kleine intellektuelle Abenteuer, Verblüffungen, Perspektivenwechsel, wobei es dem Autor stets gelingt, in all seinen Geschichten eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, bei der man fast vergessen könnte, dass sie nur dazu dienen, einen Gedanken zu transportieren. "Es war einer jener öden Spätnachmittage," heißt es in "Der Tod und der Kompass" (Fiktionen S. 125), "die dem Morgengrauen gleichen. Die Luft über der dunstigen Eben war feucht und kalt. Lönnrot begann über die Felder zu wandern. Er sah Hunde, sah einen Viehwaggon auf einem toten Gleis, sah den Horizont, sah ein silbergraues Pferd, das Brackwasser aus einer Pfütze soff." In Wahrheit geht es in der Geschichte natürlich nicht um Stimmungsbilder nordargentinischer Landschaften sondern um den symbolischen Kampf eines Kommissars und eines Mörders, wobei es dem Mörder gelingt, den Kommissar durch eine Serie genau durchkomponierter Morde in eine Falle zu locken, die zum Tod des Kommissars führt, nicht ohne dass sich Kommissar und Mörder vorher noch über die Qualität dieser Fährtenlegerei austauschen. Fast noch typischer für die Borges sche Intention ist die Geschichte "Die kreisförmigen Ruinen", in der ein Mensch versucht, einen anderen Menschen durch Träumen zu erschaffen, bis er am Ende selbst entdeckt, das er nur die Kreatur eines anderen Träumenden ist. Am berühmtesten wurde "Tlön Uqbar Orbis Tertius", in dem ein Leser in einem Universallexikon einen Artikel über das unbekannte Land Uqbar entdeckt und feststellt, dass es diesen Lexikonband nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Weitere Forschungen ergeben, dass in diesem vergessenen Land Uqbar die Tlön-Kultur herrschte, ein System, das nicht die Wahrheit sondern nur das Staunen suchte und in dem die Gesetzte unserer Welt aufgehoben sind.
Nicht alle Geschichten überzeugen bei der ersten Lektüre, was aber durchaus daran liegen kann, dass der Autor so unendlich viel intelligenter als seine Leser ist, oder auch nur, dass man als Leser die Geschichten einfach immer wieder aufs Neue lesen muss, um ihren Verweisungen und Fährten auf die Spur zu kommen. Im editorischen Nachspann zu den "Fiktionen" heißt es dazu vielsagend, die ästhetische Erfahrung sei "die Verheißung einer unmittelbar bevorstehenden Offenbarung, zu der es aber nicht kommt". Ihre Stunde soll nach Borges der Abend sein, wahrscheinlich die späte magische Stunde des Tages, wenn die Sonne verlischt. "Es gibt am Abend eine Stunde, in der die Ebene kurz davor ist, etwas zu sagen, sie sagt es nie, oder vielleicht sagt sie es unaufhörlich, und wir verstehen es nicht, oder wir verstehen ist, doch es ist unübersetzbar wie Musik."( Das Ende, in Fiktionen S.149).
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lesen!, 23. November 2003
Mit den Ficciones legt Borges eine Sammlung von Erzählungen vor, die, in technischer Perfektion ausgeführt, die brillanten Themen des Autors mit der ihm eigenen Symbolik untermauern. Warum selbst einen Roman schreiben, ihn mit hundert „unnützen" Seiten aufblähen, wenn man doch nur die gute Idee wiedergeben braucht? Borges schreibt nicht nur Zusammenfassungen von Romanen, die nie geschrieben wurden, sondern erfindet auch ihre Autoren, deren Gesamtwerk und Biographie. Er stellt sich Menschen mit absurd-interessanten Vorhaben oder phantastischem Wahrnehmungsvermögen vor, verwandelt den Kosmos in eine Bibliothek (oder umgekehrt), bearbeitet den argentinischen Nationalepos (,spielt überhaupt auf eine Unzahl von Autoren, Philosophen und historischen Personen an) oder schreibt eine Kriminalgeschichte. Gerade die ist beispielhaft für seine Arbeit: Oberflächlich betrachtet scheint vieles zufällig, doch bei ihm ist nichts ohne Grund platziert; alles folgt komplexen Systemen und Zeichensprachen. Den Argentinier mit diesem Buch kennen lernen und dann mehr lesen! Die Fischer Taschenbuchausgabe in 20 Bänden ist ausreichend kommentiert und gut aufgemacht.
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20 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Pyramidonal, 30. Juli 2000
Wie gut dieses Buch ist, kann man nicht beschreiben. Man muß anfangen, es zu lesen. Wer sich dann nicht versucht fühlt, dem Rätsel, von "Tlön", nachzugehen, dem ist nicht zu helfen- der würde vermutlich auch nicht einer verschleierten Schönheit folgen, die versucht, ihn in den Gassen von Kairo mit sich zu locken. Die "Fiktionen" sind ein Mysterium, mit ungeheurer Virtuosität und Vorstellungskraft geschrieben- wie jeder Mythos lassen sie sich am besten genießen, wenn man sich von der Phantaise des Verfassers gefangen nehmen läßt. Der erfahrene Leser entdeckt jedoch etliche sehr passende Anspielungen auf literarische Werke aller Epochen. Die einzelnen Erzählungen sind auf wundersame Weise miteinander verwoben, man erkennt allmählich, welche Melodie das Gefühlsleben des Autors gefangennahm und in welcher Gedankenwelt er sich bewegte. Z.B. entspricht die Suche nach dem "Katalog der Kataloge" der "Bibliothek von Babylon" der Suche nach Al Mutasim. Es ist ein recht eingegrenztes Feld existentieller Probleme, über das Borges mit einer kaum jemals erreichten Tiefe schreibt. Das einzige, was man tun kann, um dem Buch gerecht zu werden, ist nicht, es zu beschreiben, sondern mit dem Wort von Tick, Trick und Track zu sagen: Dieses Buch ist einfach pyramidonal.
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