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5.0 von 5 Sternen
Borges hat mich verändert, 21. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Fiktionen: Erzählungen 1939 - 1944 (Broschiert)
"Ich verdanke der Konjunktion eines Spiegels und einer Enzyklopädie die Entdeckung Uqbars", so beginnt die erste Geschichte "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" dieses wundersamen Büchleins. Ich persönlich verdanke einem während einer mehrtägigen Wanderung gelesenen Reclam-Heft die Entdeckung des einzigartigen Schriftstellers Jorge Luis Borges. Die "Fiktionen" sind eine außerordentlich gelungene Zusammenstellung von Kurzgeschichten, die Borges als (Mit-) Begründer des "Magischen Realismus" einen Platz im Kanon der Weltliteratur sicherten. Ich kann mich mit dieser Etikettierung nicht anfreunden, weiß auch nicht, welche Inhalte unter diesem widersprüchlich klingenden Begriff transportiert werden. Als ich Borges erstmals las, war ich wie von Sinnen. Seine einzigartige Erzählweise jener Geschichten ohne Ortsbezug und mit dem oftmals völligen Fehlen zeitlicher Dimensionen, haben mich tief beeindruckt. Aus einem Vakuum entstehen Welten und Handlungsstränge, die letztlich große Weisheiten offenbaren. Nicht bloß auf Grund des prosaischen Meisterwerkes "Die kreisförmigen Ruinen" erkannte ich einen großen Bezug zur erst unlängst zu einiger Popularität gekommenen Geisteshaltung des sog. "Konstruktivismus" (manche Etikettierungen lassen sich eben nicht vermeiden), der mit überzeugenden Argumenten darlegt, dass die Welt kein vom Beobachter unabhängiges System ist, sondern dass der Beobachter die "Wirklichkeit" im Zeitpunkt der Beobachtung vielmehr selbst und vor allem individuell erzeugt. Borges Worte, seine für mich außerordentlich wertvollen Anekdoten, hallen wider wie Ahnungen aus einem längst vergessenen Fiebertraum.
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5.0 von 5 Sternen
Phantastische Literatur zum Staunen, 15. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Fiktionen: Erzählungen 1939 - 1944 (Broschiert)
"Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen, auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende mündliche Darlegung fünf Minuten beansprucht." (Einleitung zu: Fiktionen" S. 13) Daraus folgt: "Aus größerer Gewitztheit, größerer Unbegabtheit, größerer Faulheit habe ich das Schreiben von Anmerkungen zu imaginären Büchern vorgezogen." (ebenda) Borges Fiktionen sollen den Leser zum Denken anregen, es sind kleine intellektuelle Abenteuer, Verblüffungen, Perspektivenwechsel, wobei es dem Autor stets gelingt, in all seinen Geschichten eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, bei der man fast vergessen könnte, dass sie nur dazu dienen, einen Gedanken zu transportieren. "Es war einer jener öden Spätnachmittage," heißt es in "Der Tod und der Kompass" (Fiktionen S. 125), "die dem Morgengrauen gleichen. Die Luft über der dunstigen Eben war feucht und kalt. Lönnrot begann über die Felder zu wandern. Er sah Hunde, sah einen Viehwaggon auf einem toten Gleis, sah den Horizont, sah ein silbergraues Pferd, das Brackwasser aus einer Pfütze soff." In Wahrheit geht es in der Geschichte natürlich nicht um Stimmungsbilder nordargentinischer Landschaften sondern um den symbolischen Kampf eines Kommissars und eines Mörders, wobei es dem Mörder gelingt, den Kommissar durch eine Serie genau durchkomponierter Morde in eine Falle zu locken, die zum Tod des Kommissars führt, nicht ohne dass sich Kommissar und Mörder vorher noch über die Qualität dieser Fährtenlegerei austauschen. Fast noch typischer für die Borges sche Intention ist die Geschichte "Die kreisförmigen Ruinen", in der ein Mensch versucht, einen anderen Menschen durch Träumen zu erschaffen, bis er am Ende selbst entdeckt, das er nur die Kreatur eines anderen Träumenden ist. Am berühmtesten wurde "Tlön Uqbar Orbis Tertius", in dem ein Leser in einem Universallexikon einen Artikel über das unbekannte Land Uqbar entdeckt und feststellt, dass es diesen Lexikonband nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Weitere Forschungen ergeben, dass in diesem vergessenen Land Uqbar die Tlön-Kultur herrschte, ein System, das nicht die Wahrheit sondern nur das Staunen suchte und in dem die Gesetzte unserer Welt aufgehoben sind. Nicht alle Geschichten überzeugen bei der ersten Lektüre, was aber durchaus daran liegen kann, dass der Autor so unendlich viel intelligenter als seine Leser ist, oder auch nur, dass man als Leser die Geschichten einfach immer wieder aufs Neue lesen muss, um ihren Verweisungen und Fährten auf die Spur zu kommen. Im editorischen Nachspann zu den "Fiktionen" heißt es dazu vielsagend, die ästhetische Erfahrung sei "die Verheißung einer unmittelbar bevorstehenden Offenbarung, zu der es aber nicht kommt". Ihre Stunde soll nach Borges der Abend sein, wahrscheinlich die späte magische Stunde des Tages, wenn die Sonne verlischt. "Es gibt am Abend eine Stunde, in der die Ebene kurz davor ist, etwas zu sagen, sie sagt es nie, oder vielleicht sagt sie es unaufhörlich, und wir verstehen es nicht, oder wir verstehen ist, doch es ist unübersetzbar wie Musik."( Das Ende, in Fiktionen S.149).
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Borges Passion: Faszination!, 25. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Fiktionen: Erzählungen 1939 - 1944 (Broschiert)
Wenn ich jemandem drei Bücher empfehlen müsste, die anders sind, poetisch, phantastisch und einfach...; wenn jemand mir sagen würde, er wolle einmal so richtig fasziniert werden, dann würde ich ihm drei Bücher vorschlagen: Die Nacht auf dem Rücken von Borges Freund Julio Cortazár, der Sci-Fi Roman Das Wort heißt Vollkommenheit von E.A.Lynn und die Fiktionen von Jorge Luis Borges. In diesen drei Büchern steckt so viel faszinierende Verblüffung und Entdeckung, so viele Ideen, so viel Genialität, dass jede Geschichte (bzw. jeder Abschnitt) neue Wunder offenbart. Man kann sich immer wieder mit diesen Büchern beschäftigen. "Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen; auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende mündliche Darlegung wenige Minuten beansprucht. Ein besseres Verfahren ist es, so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits, und einen Résumé, einen Kommentar vorzulegen." Diese Beschreibung aus dem Vorwort bezieht sich eigentlich nur auf 2-3 der hier vorkommenden Geschichten, doch in diesem Satz steckt schon eine tiefgehende Philosophie, nach der Borges alle seine Bücher verfasst hat. Keinen Roman, keine langen Arbeiten über irgendetwas. Das bringt zweierlei mit sich: 1. Die Texte sind meistens - wenn auch nicht minimalistisch - so doch in jedem Wort durchgeplant; es ist eine Art von Borges, seine Geschichten komplett aus ihrer eigenen Materie zu weben und an jeder Stelle, an der das möglich ist, flüchtige Symbolik anzubringen. Man kann die Geschichten auch einfach so lesen, ohne die Symbolik zu begreifen, aber ein unnützes Wort ist nicht enthalten - das steigert die Fülle jeder Geschichte und 2. Statt einen Gedankengang völlig fertig serviert zu bekommen, muss der Leser selbst oft mitdenken, wenn Borges berichtet; ja, er sollte vielleicht sogar weiterdenken. Borges erzählt die Geschichten, die Skizzen, die Andeutungen und der Leser fühlt sich mit einem Mal von einer Welt gebannt, die er zum Teil von Borges erzählt, zum Teil noch selbst erforschen kann, in dem man über die Facetten nachdenkt, die nur erwähnt blieben - man kann es auch einfacher sagen: In jede Geschichte, scheint noch so etwas wie zusätzlicher Raum zu sein. Borges war stets, sein ganzes Leben lang, ein begeisterter Leser und Sammler. Er sammelte gute Kriminalromane (bis heute ist diese von ihm dokumentierte Sammlung eine Fundgrube an tollem Lesestoff, ich kam so zum Beispiel auf Leo Perutz. Seine Belesenheit und Sammlerleidenschaft, spiegelt sich natürlich in jedem seiner Werke wieder, durchzieht sie, wie Oscar Wildes Märchen das Gefühl für Ästhetik und bestimmt sie, wie das Standardrepertoire (Bären, starke Frauen, ménage à trois, Ringen) in Irvings Romanen immer den Stil und den Puls bestimmt. Es sind intellektuelle Erzählungen, aber - sie sind auch spaßig und bei aller Gelehrtheit ist Borges doch kein Intellektueller, sondern einer, der immer wieder mit neuem Staunen die Wunder der Welt zu mehren sucht. Er ist genial und freundlich, er ist Geist und Witz. "Es gibt am Abend eine Stunde, in der die Ebene kurz davor ist, etwas zu sagen; sie sagt es nie, oder vielleicht sagt sie es unaufhörlich und wir verstehen es nicht, oder wir verstehen es, aber es ist unübersetzbar wie Musik..." Kriminalgeschichte, Philosophie, Anekdoten, menschliche, phantastische Geschichte oder einfach eine geniale Konstruktion mit überraschendem Ende, es gibt kaum eine Disziplin, in der Borges sich nicht zu Hause fühlt und kaum eine, in dem man ihn nicht gerne liest. Die Fiktionen, mögen genau das sein: Aber sie sind auch einige der vollkommensten ihrer Art. Und Borges einer dieser Schriftsteller, der mit seiner ganzen Eigenheit eine universelle Faszination geschaffen hat.
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