"Was erstaunt ihr, was erschreckt euch, / Wenn ein Traum mein Lehrer war" (
Calderon; 1600-1681 in: Das Leben ist ein Traum)"Denn das Leben ist nur ein um ein Weniges weniger unbeständiger Traum." (
Blaise Pascal; 1623-1662 in: Gedanken / Penseés)Traum und Leben ist die Gegenüberstellung, wie es die Begriffe fiction und Realität sind. Die moderne Frage dazu lautet: Warum gewinnt das Irrationale immer mehr Wirkung auf das Rationale? Oder wie "brand eins" in der Mai Ausgabe 2010 LOTTERhaft postulierte: "Der Sieg des Irrationalen". Die zweite Frage der Modernen stellt sich so: Inwieweit sind Umfragen mit statistischer Wahrscheinlichkeit ein hinreichendes "Als ob" zur Bestimmung der Realität?
Diesen Fragen geht Elena Esposito (1960-) nach, nicht in der Erklärung, sondern aus der Herkunft, der Erforschung der Ursache dieser veränderten Denk- und Verhaltensweisen. Dabei entfaltet sie ein systemtheoretisches Konzept der Realitätsverdopplung. Fiktion und Wahrscheinlichkeit erzwingen neue Auffassungen, die Folgen auf die zusammenhängenden Prozesse werden im sozialen Wandeln tiefgreifend im Diskurs behandelt. Die bei Anton Tschechow noch geltende Maxime:
"Das Leben bekommst du nicht zweimal" scheint in der Neu-Fassung systemtheoretischer Methodik außer Kraft gesetzt.
Nun, wenn schon von einer Veränderung die Rede ist, muss vor dieser "Fiktion der wahrscheinlichen Realität" etwas gestanden haben, was zur Unterscheidung beiträgt, ja gerade Auslöser einer neuen Welt sein musste. Fündig wird man gerade in jenem Jahrhundert von Calderon und Pascal, sicher auch noch im 16. Jahrhundert. Die bis dato eindeutige Gegenüberstellung von Erscheinung und Substanz (
siehe auch Spinozas Ethik) wird aufgehoben und in die Welt tritt etwas, was mit dem Begriff
'Kontingenz' gut beleuchtet ist. Die barocken Strukturen der Architektur, verwirrende Elemente und Formen der Täuschung, Veränderungen von Perspektiven und Paradoxa sind Elemente in Literatur und Kunst.
Cervantes, einer der großen Romanciers, hat diese Vielfalt der Möglichkeiten von Fiktion und Realität bestens in seinem Helden und seinem Begleiter positioniert. Fiktion und Traum sind jene Irrealen, die auf das Reale treffen. In dieser Zeit stellen sich eben jene Fragen neu und das Mögliche gewinnt an Bedeutung, so dass Traum wie Fiktion Lehrer sein konnten. "Die Dinge sind nicht alle so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alles sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert", so Rilke in den Briefen an den jungen Dichter und so sind die Dinge auf Erden in der Hamletschen Sichtweise in ihrem Verstehen begrenzt.
In diese Veränderung, in diese Auflösung der klaren Gegenüberstellung von Substanz und Erscheinung tritt nun auch der Mathematiker Pascal, insbesondere im Briefwechsel mit Fermat wurde die Frage des Wahrscheinlichen erstmals, wenn auch nicht explizit gestellt. Im Jahre 1654 erhält Fermat von Pascal einen Brief mit der vieldiskutierten Frage, wie der Gewinn eines Glücksspiels aufzuteilen sei, wenn beim Abbruch des Spiels dem einen Spieler noch eine Partie, dem anderen zwei Partien zum Gesamtsieg fehlten. Die Geburtsstunde der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung ist hier gegeben, das Wissen über Entscheidungen angesichts ungewisser Ereignisse will erweitert werden. Im damaligen Geschäftsleben spielte der "aleatorische Vertrag" eine wichtige Rolle, der Tausch eines gegenwärtigen sicheren Wertes gegen einen zukünftigen unsicheren Wert. Ähnliche Fragen stellen sich beim Glücksspiel: welchen Einsatz soll man leisten, wenn der Gewinn unsicher ist? Die Pascalsche Wette beinhaltet diese Methode so gar in Glaubensfragen.
In dieser Zeit wird der Blick darauf geschärft, dass aus dem "Chaos der Willkür" und der "grenzenlosen Kontingenz" sich Kriterien der Regelmäßigkeit ableiten lassen. Diese aus dem Dickicht der Unsicherheiten entstandenen neuen Regeln zeigen sich in der Literatur wie in der Wissenschaft gleichermaßen. Es ist nun nicht mehr verwunderlich, festzustellen, dass fiction in der Literatur und die Geburt der Wahrscheinlichkeit zeitgleich verliefen. Aus den Schriften von Cervantes, Pascal, Fermat, Leibniz entstand eben jene neue Schichtung der von Kontingenz geprägten Ordnung, die dann später bei Parson / Luhmann als "funktionale Differenzierung" in die Systemtheorie Einzug nahm.
Nun zu wissen, dass fiction als fiktive Realität in der Literatur nicht folgenlos für die reale Realität bleiben konnte und auch zu begreifen, dass Wahrscheinlichkeit (das, was man für wahrscheinlich hält) subjektiv oder aber verschiedene Wahrscheinlichkeiten zueinander objektiv wahrscheinlich sein können, ist großes Anliegen der Autorin. Gleichzeitig ist die Auswirkung bzw. Wechselwirkung von Gegenwart und Zukunft von hoher Brisanz. Nämlich dort, wo zeitliche wie soziale Kontingenz aufeinander treffen, entsteht eine wechselwirksame Zirkulation. Auch wenn man im Rahmen der Entropie meint, es erhalte sich alles, wird gerade auf der Basis der Unsicherheiten durch Entscheidungen in sozialen Systemen mit Rückwirkung auf die eigene Situation die Unsicherheit in der Zeit erhöht. Die Zukunft bleibt damit trotz aller Berechnungen offen, weil man nicht weiß, was der andere tut oder wie er entscheidet. Oder anders formuliert: die Zukunft ist kein Widerstand für Imagination oder Fiktion. Die Wahrscheinlichkeit ist fiktional und! nützlich, weil sie als eine Orientierungshilfe auf die reale Realität zurückwirkt, die diese nicht bieten kann. Es entsteht eine kohärente Welt auf Basis imaginärer Prämissen.
Im Lichte betrachtet, heißt es zu bedenken, was subjektive Wahrscheinlichkeit für die
Kommunikation (Watzlawick) bedeutet und was objektive Wahrscheinlichkeit als a priori Information für die Realität zu bewirken vermag. Die Akzentverschiebung, in der das Irreale den Platz des Realen einnimmt, ist eben auch der Sieg des Irrationalen über das Rationale. Damit ist auf die Semantik der Modernen besonderer Wert zu legen, ebenso auf die Botschaften fiktionaler Literatur. Denn mit Aristoteles wissen wir, dass "das glaubwürdig Unmögliche dem unglaubwürdig Möglichen vorzuziehen" ist. Dieses gilt in der Poetik sicher, doch in der Übertragung auf das Leben wird damit auch das Vorübergehende verbindlich. Die Mode mag dafür ein gutes Beispiel sein, aber es muss auch für Meinungen, Sicherheiten etc gelten. Denn nicht umsonst steckt in der Ursache der Finanzkrise jenes Quentchen Kontingenz, jene Hoffnung auf den möglichen Sieg, der den Augenblick der Entscheidung zum Bezugspunkt aller abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten macht.
Eine interessante und lesenswerte Erörterung aus dem Bereich der Soziologie liegt hier vor. Sie macht deutlich, dass die Sicherheit, die die Welt nicht mehr gewährleisten kann, nun auf der Seite des Beobachters gesucht wird. Aber der Beobachter ist ein Teil der Welt, man landet in der gleichen Dimension. Der interessierte Leser entdeckt so, dass dieses nicht reicht, sondern wie im Falle Ödipus dazu führt, die Welt so zu konstruieren, vor der wir uns schützen wollen. Im Gegensatz zu Ödipus wissen wir jedoch, dass wir unser Schicksal uns selbst zuschreiben müssen - von Anfang an. (vgl Luhmann) Wenn also der Beginn des Wahrscheinlichen und der literarischen fiction nahezu gleichzeitig aus dem Geiste des neuen Denkens außerhalb der Dualität von Substanz und Erscheinung entstehen konnte, liegt die Frage der Postmodernen, der Jetztzeit nicht viel anders auf dem Tisch. Virtuelle Welten mit kreativen Freiheiten unter einer Cloud scheinen noch in konfusen Debatten ins Leere zu laufen. Vielleicht ist es dringender denn je, das Verhältnis von Realität und Unsicherheit in allen Dimensionen dieser zunehmend virtuellen Gesellschaft neu zu überdenken.
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