Mit diesem Feldführer stellen Waring und Townsend alle 880 für Großbritannien nachgewiesenen Nachtfalter (also alle zu den "Großschmetterlingen" zählenden Arten minus die Tagfalter) auf 442 Seiten dar und schließen damit eine Lücke zwischen den zahlreichen aktuellen Büchern zu den Tagfaltern und den alten, oft nur noch im Antiquariat erhältlichen Büchern von Forster/Wohlfahrt (Abbildungen schlecht; Bestimmung nur über Genitalpräparation möglich) oder Novak/Severa (wenig Text zur Unterscheidung der z. T. sehr ähnlichen Arten). Während sich viele Bücher über Nachtfalter nicht an die beiden Riesengruppen der Spanner und Eulen "herantrauen" (und es bei der Darstellung von Spinnern und Schwärmern bewenden lassen), sind diese Familien hier dargestellt.
Die Artenauswahl befriedigt mich als Norddeutschen, da praktisch alle heimischen Nachtfalterarten auch hier vorgestellt werden (aber wo bleibt nur der schöne Nagelfleck?). Schwieriger dürfte die Situation in den südlicheren Teilen Mitteleuropas sein, wo insbesondere in den Mittelgebirgen und den montanen Abschnitten zahlreiche weitere Arten zu erwarten sind, die in Großbritannien fehlen.
Der Text ist zwar sehr knapp gehalten, aber äußerst informativ und geht insbesondere auf die Unterscheidung ähnlicher Arten ein (sehr erfreulich: die Beschreibungen sind vorzugsweise auf im Feld erkennbare Merkmale fokussiert - Tötung und Präparation der Tiere sollten somit unterbleiben!). Daneben finden sich Hinweise auf Phänologie, Lebenszyklus, Larven-Futterpflanzen und Lebensraum - natürlich alles vor dem Hintergrund der "britischen Verhältnisse". Der abschließende Abschnitt "Status & distribution" bezieht sich somit auch auf eben dies Land - Angaben zur Verbreitung außerhalb der Britischen Inseln fehlen ganz.
Ausgezeichnet sind (wie immer) die Abbildungen von Richard Lewington (die 880 Arten werden in 1700 Abbildungen vorgestellt) - man fragt sich nur, woher dieser Mann die Zeit nimmt, zumal er ja schon die opulent illustrierten "Klassiker" des "Tolman" und des "Chinery" gestaltet hat! Dargestellt werden - wie schon im vergleichbaren Buch von Tolman über die Tagfalter - allerdings nur die Imagines; es sind im Text zwar einzelne (ca. 80) Fotos von Raupen eingestreut - diese sind aber nur sehr klein und nicht sehr aussagekräftig; zudem fehlen Angaben über die Kennzeichen der sog. Präimaginalstadien wie Raupe oder Puppe im Text völlig. Die Abbildungen zeigen die Falter in mehr oder weniger Originalgröße: dadurch fallen sie naturgemäß oft recht klein aus und es kann schwierig sein, Details in der Flügelzeichnung zu erkennen. Auch werden sie in der natürlichen Position dargestellt: dies bedeutet bei den Eulenfaltern, dass man in der Regel die Hinterflügel nicht sieht - selbstverständlich wird bei den Ordensbändern eine Ausnahme gemacht! Wie schon bei Tolmans Buch zu den Tagfaltern hat man von seiten des Verlages leider weiterhin am Prinzip festgehalten, alle Abbildungen in einem 76seitigen "Block" in der Mitte des Buches zusammenzufassen und nicht die Abbildungen neben den Text zu stellen! Dies macht eine ständiges Hin-und-Her-Blättern nötig.
Auch für Mitteleuropa lohnt sich die Anschaffung dieses Buches (mit Einschränkung s. oben), da es kaum etwas Vergleichbares auf dem Markt gibt, also eine Gesamtdarstellung aller Nachtfalter inklusive der Spanner und Eulen. Deshalb scheue man sich auch nicht, ein englischsprachiges Buch wie dieses zur Hand zu nehmen, um sich mit den heimischen Faltern vertraut zu machen.