Als begeisterter Leser von Martins Eis-Feuer-Zyklus lagen die Erwartungen bei seinem Frühwerk "Fiebertraum" (erstmals erschienen 1982) hoch. Doch eine Geschichte über Vampire wollte mir zunächst gar nicht schmecken, da dieser Stoff sehr verbraucht ist und im Allgemeinen voller Klischees steckt.
Dass das Buch zweigeteilt ist, kann ich bestätigen (s. Rezension Wöllner). Der erste Teil beschäftigt sich im Grunde mit dem Leben in den 1850er Jahren am großen Strom des Mississipi. Martin zeichnet die amerikanische Gesellschaft zu dieser Zeit nach. Flussdampfer sind die wichtigsten Transportmittel entlang der Wasserstraßen und noch nicht von der Eisenbahn verdrängt. Sklaverei und Rassismus beherrscht die Südstaaten, New Orleans ist funkelnde Weltstadt und dreckiges Molloch zugleich. Abner Marsh, groß, verwarzt und hässlich, Eigner einer Dampfschifffahrtsgesellschaft, steht vor dem Ruin, als er das Angebot eines Joshua York bekommt, ein großes, schnelles Schiff zu bauen. Bis Abner Marsh entdeckt, wer bzw. was Joshua York und seine Gefährten sind, denen Marsh sich unterstellt hat, vergeht etwa die Hälfte des Buches. Gleichzeitig wechselt die Perspektive und einige Kapitel werden aus Sicht eines zweiten Charakters, Sour Billy Tipton, beschrieben, der die Drecksarbeit für den Plantagenbesitzer Julian erledigt, in dem er schöne Sklavinnen und Sklaven kauft, die Julian und seinem Gefolge als Nahrung dienen. Tipton ist schlank und sehnig, ohne Gewissen und verblendet. Aber er ist auch abhängig, willenlos. Ein Versprechen bindet ihn.
Die Hauptcharaktere sind also keine strahlenden Helden mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten. Es sind Menschen mit Fehlern, tragisch und einsam.
Der zweite Teil führt die zwei Erzählstränge zusammen und die Handlung nimmt Fahrt auf und bekommt Feuer wie ein Dampfschiff, das mit Talg betrieben wird. Der Bug pflügt sich durch das Wasser, der Druck der Kessel ist zum Zerbersten und die Schaufelräder erzeugen eine Wand aus Gischt. Vampire treffen auf einander und es kommt zu Auseinandersetzungen, die einen Meister, einen Ranghöchsten ermitteln: den "Blutmeister". Plötzlich bannt das Buch wie die Augen des Volks der Nacht und die zweite Hälfte ist an einem Tag gelesen.
"Fiebertraum" deutet Martins atemberaubende Erzählkunst an, die "Das Lied von Eis und Feuer" so einzigartig macht. Bereits in diesem Frühwerk werden vielschichtige Charaktere mit Stärken und Schwächen von Martin kunstvoll gezeichnet. Kein Schwarz-Weiß-Film, sondern ein schillernder Alptraum voller Tragik und Spannung, das ist Martins "Fiebertraum". Daher vergebe ich vier Sterne, wegen der etwas zu lang geratenen Einleitung und weil das Lied von Eis und Feuer noch besser ist. Ansonsten: Sehr empfehlenswert!