Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Lyrik zeigt sich zu Beginn noch jung und naiv, im zweiten und dritten Teil von Fieber demonstiert Kinski seine, vor allem durch den Vater im Geiste, François Villon, geschulte Wortkunst. Gleichermaßen sensibel wie fordernd, bilden sie das Manifest eines Unverstandenen, der die Gewaltigkeit der Gefühle bereit ist zu erforschen. Angereichert mit vielen seltenen und unveröffentlichten Fotografien, fordert die oftmals sehr direkte Sprache den Leser immer wieder heraus, um ihn im nächsten Moment mit einfühlsamen Gedanken zu versöhnen. Der Gedichtband schließt mit einem späten Zitat Kinskis, welches sich angesichts seines beeindruckenden Lebenswerkes bewahrheiten sollte: "Die Leute werden über mich sagen, dass ich tot bin. Das stimmt nicht. Ich kann nicht sterben." --Daniel Hofmann
Kurzbeschreibung
Auszug aus Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen. Gedichte. von Klaus Kinski, Peter Geyer. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wer kann den Glauben heute noch bezahlen -
Leise Idee liegt auf der Bank versiegelt -
der Leichenträger hat sein Haus verriegelt -
gezähmter Ansturm hinter Milchgasschalen -
da ist ein Auto aufgetaucht aus allen -
und einer stellt sich vor als Würdenträger -
auf einem Dach bückt sich ein Schornsteinfeger -
von einem Baum ist Rinde abgefallen.
Der zugeschweißten Türen runde Welle -
Der Wahnsinn liegt bereit wie weiche Huren -
die blaue Suppe schwankt in langen Booten -
am Fenstergitter hängen kalte Zoten -
die Pflegekinder treten auf der Stelle.
Sie haben konserviert für schlechte Tage -
Der Irrenarzt hat sein Gesicht gebügelt -
Der Koch hat den gesunden Hund verprügelt -
m letzten Bett liegt stummgemachte Frage.
Sie grüßen mich mit amputierten Haaren -
und an den Füßen eine Streichholzschachtel -
die in der Ecke sammeln alte Kreise -
der Tote unterm Tuch verschluckt sich leise -
und keiner kann die Jahreszahl erfahren.
Da blättern sich der Wände flache Hüften -
bemühter Kitzel will das Ende schreiben -
ich schlage hohes Licht in Euer Leiden -
und wie ich mich an Blumen rausgewunden
so hab ich einen neuen Tod gefunden.
GEWITTER
Dem Mond eitern die Ohren -
den Pferden quellen die Augen aus den Poren
und ziehen sich wie eine Gummischicht
auf ölgeschmierte Bänder -
die nackten Vögel schwitzen Neonlicht -
und schnelle wache Kreise im Geländer -
ein überfüllter Friedhof bläht
sich wie ein leberkranker Baum im Wind -
ein schwindsüchtiges Kind
trägt seinen Husten wie ein Holzschwert -
die Beule unterm Tisch wird hell und groß -
und mit verkohlter Hand herausgeschnitten
sausen dem angeschnallten Christusvieh
die Hämorrhoiden aus dem Gottesarsch
in seinen aufgesperrten wunden Rachen
und flattern auf wie schwarze Diphterie -
dann stottert Regen auf den zugenähten Schoß.
ABEND
Ich trete müde in den Abend ein -
Ich will nicht vor die neue Stunde greifen -
Ich bin bereit, die Frage abzustreifen -
Ich gehe jede Stufe, Stein um Stein -
Ich habe eineTüre aufgeschlossen -
Ich trage ruhig an dem großen Fisch -
auf einmal steht mein Kopf auf einer Treppe
die Peitsche schlägt um den nervösen Tisch
die Hitze hat mich einfach abgeschossen.
Die kranke Seide fordert ihre Muster
und niemand hört mein lautes Brüllen -
Das Blut muß an die Wand als Reiseführer
auf einem fremden Hof muß ich die Taschen füllen
und in dem Kellerfenster klopft ein Schuster.