Was würden Sie empfinden, wenn ihr Vater ein Mörder wäre? Schlimm genug, aber was ist, wenn er ein SS-Morder wäre? Was würden Sie machen? Der Ich-Erzähler dieser Novelle steckt genau in diesem Dilemma, seinen Vater entweder zu decken oder ihn zu verraten. Der Ich-Erzähler erzählt widerstrebend seine Geschichte in einer Rückblende einem Schulfreund, den er zwanzig Jahre lang nicht gesehen hat. Er fängt mit seinem Besuch bei seinem Vater in Brasilien an, dann geht er zu seiner Kindheit über und schließlich kehrt er zum Besuch zurück. Obwohl der Erzähler im Text nie genannt wird, bietet Schneider uns einige Anhaltspunkte für dessen Identität. In dem der Autor die Identität des Protagonisten nicht verrät, suggeriert er dem Leser, daß diese Erzählung allgemein zutreffend ist, und daß sie nicht nur Kindern eines SS-Mörders, etwas zu sagen hat. Für Vati wendet Peter Schneider den Montagestil an, aber mit weniger Erfolg als für den auch von ihm geschriebenen Mauerspringer. In der Erstausgabe gab er die Quelle seines Materials nicht an und weswegen er stark kritisiert wurde. Es wurde ihm vorgeworfen, dab Teile der Novelle den Bunte-Interviews sehr ähneln würden. Als eine junge Britin, ist mir das völlig egal, weil ich noch nie Bunte-Interviews gelesen habe. Man muß sich aber fragen, ob Schneider etwas Neues mit diesem Material gemacht hat oder nicht. Eine Frage, die ich persönlich nicht beantworten kann. Die ganze Novelle hindurch bekommen wir einen Einblick in die Motivationen des Ich-Erzählers, seinen Vater zu besuchen. Als Folge davon fand ich es einfach, Mitleid mit ihm zu haben, aber gleichzeitig fand ich den Mangel an einer kritischen Stimme ein bißchen frustrierend. Zur Verteidigung dieser Novelle muß ich sagen, daß sie hoch komplizierte Fragen in Angriff nimmt, die zudem sehr kontrovers sind. Diese Novelle ist nicht das gelungenste Stück Literatur. Trotzdem sollte man sie lesen, schon allein, weil Vati einige wichtige Fragen der Mittäterschaft anschneidet. Kann man 'schuldig geboren' sein? Wenn man diese Novelle liest, könnte man diesen Aspekt zumindest für sich selbst entscheiden.