Irène Némirovsky ist eine nach 60 Jahren wiederentdeckte französische Autorin. Sie wurde als Tochter eines jüdischen Bankiers in Kiew geboren. Während der Russischen Revolution floh die Familie nach Frankreich. Irène Némirovsky studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und hat sich sehr schnell in die Pariser Szene integriert. Mit zwanzig Jahren schrieb sie ihren ersten Roman "David Golder" für den sie sehr gelobt wurde. In den 20 er und 30 er Jahren avancierte sie zum Star im französischen Literaturleben, schrieb in rascher Folge weitere Gesellschaftsromane. Ihr Stern sank dann ganz schnell als die Deutschen 1940 Frankreich besetzten und die Vichy-Regierung die antisemitischen Gesetze erließ. Sie verstecke sich mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern auf dem Land, wurde trotzdem verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort starb sie vier Wochen später an Typhus. Ihr Mann wurde in der Gaskammer ermordet. Eine ihrer beiden Töchter nahm einen Koffer der Mutter an sich, in dem sie Notizen vermutete. Erst nach ihrem Tod stellte man fest, dass es sich um den unvollendeten Roman "Suite francaise" handelte. Der Roman ist, obwohl nur Fragment, ein Meisterwerk über dass Panorama vom Untergang Frankreichs im Jahre 1940. Sie findet bittere Worte darin, fühlte sich verstoßen, weil Franreich ihr die Staatsbürgerschaft verweigerte, obwohl sie sich vollends in die französische Gesellschaft integriert hatte.
So viel sollte man von der Autorin wissen, bevor man ihr vorletztes Buch "Feuer im Herbst", auch wieder ein großartiger, streng konzipierter Gesellschaftsroman,liest.
Es handelt von der Liebe in Zeiten des Krieges und der Zwischenkriegszeit. Diese Zeit erlebt eine Gruppe von französischen Kleinbürgern. Im Mittelpunkt stehen die beiden Hauptfiguren Thérèse und Bernard. Noch flanieren die Menschen über die Prachtstraßen von Paris. Thérèse hatte ihren Cousin, einen Arzt geheiratet, alles schien für eine sichere und geordnete Zukunft zu sprechen, da brach der Erste Weltkrieg aus. Und nun schildert die Autorin schonungslos die Ahnungslosigkeit und Dummheit der französischen Frauen und Mütter, die ihre Männer und Söhne in diesen Krieg schicken, sie in ihren euphorischen Heldenträumen unterstützen. Doch bald merken auch die abenteuerlustigsten Männer, dass sie sich in einem Maschinenkrieg, in einem industrialisierten Krieg, der größten Katastrophe des beginnenden Jahrhunderts befinden.
Die Grauen des Krieges zerstören sehr schnell alle Zukunftsträume. Thérèse wird Witwe und Bernard, Thérèse ihr Freund aus Kindertagen, kehrt, wie all die anderen Männer, desillusioniert von der Front heim. Die Menschen und ihre Herzen sind kaputt, der Krieg hat sie verzehrt, entleert. Genial beschreibt hier die Autorin nun das Phänomen der Kriegsneurose, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen ist. Tausende Soldaten kommen heim, haben diese Symptome, Schlafstörungen, Angstzustände können nicht mehr ihr gewohntes Privatleben weiterführen. Schon beim ersten Heimaturlaub ist eine Entfremdung festzustellen, die nie wieder aufhört und die sich auch linear durch den ganzen Roman zieht.
Thérèse verliebt sich in Bernard, ihm wird es auf die Dauer zu langweilig. Er will Entschädigung, für alle Leiden des Krieges, für alles Versäumte. So geht es ja allen Heimkehrern. Die Franzosen haben den Ersten Weltkrieg gewonnen, aber sie haben ihn gleichzeitig doch auch schon verloren, denn jetzt, in den nächsten zwanzig Jahren stürzen sich Menschen wie Bernard ins Vergnügen, suchen wechselnde Frauenbekanntschaften, rauschhaftes Amüsement. Es war die Zeit der Kriegsgewinnler und Spekulanten, wo man nur noch dem Hedonismus und Egoismus lebte. Nichts von der alten Moral war übrig geblieben, was man sagte, tat oder dachte war völlig wertlos. Jeder der an etwas glaubte, musste sich als verlachter Geprellter vorkommen. Diese Stimmung hat die Autorin großartig durchdacht und differenziert eingefangen und beschrieben. Beeindruckt hat mich auch, dass sie niemals moralisiert, die Kriegsgewinnler und Spekulanten zwar distanziert im kalten Licht zeigt, sie aber nicht verurteilt, weil sie eben das Resultat dieses Krieges waren.
Irène Némirovsky ist eine intelligente, sehr gesellschaftskritische Autorin und ich glaube sie war von ihrer Zeit so angewidert, es war ja nicht nur der Erste Weltkrieg, dieser brutale Schritt in die Moderne, sondern die Geschichte, die sie selber erlebt hat. Insbesondere durch ihr Mutterproblem, hatte sie ein ganz starkes Misstrauen in die Menschen. Dieses Kleinbürgertum von dem sie so eindrucksvoll berichtet, stellte im Grunde ein sehr beschränktes Leben da. Es wird von der Autorin in keiner Weise idealisiert, denn die Beschreibungen, insbesondere auch die der naiven Frauengestalten, entbehren nicht beißender Ironie. Wenn sie auch viele Desillusionstricks anwendet, die wirklich schwarzen Schafe werden zum Schluss desavouiert.
Nach außen hin mag es ein sehr altmodisches Buch sein, aber es entwickelt einen ungeheuren Sog, weil die Autorin mit wenigen Strichen wunderbare markante Porträts zeichnen kann, und dabei einen ausgeprägten Sinn für historische Atmosphäre besitzt. Es ist wahrhaft kein subtiles Buch, sondern eines mit einer strengen Schwarz - Weiß -.Moral, welche die wahnsinnige Unordnung in der Welt fokussiert.