Als "Feuer und Flamme" erschien, war schon lange klar, daß Nena vielleicht von der Neuen Deutschen Welle an die Spitze der Popularität gespült worden war, sich aber auch ohne diese dort halten konnte. Mit "New Wave" à la Ideal hatte Nena ohnehin nie viel zu tun gehabt, man beschreibt ihre Musik besser als Mischung aus Pop, Rock, und "Neuem Deutschem Schlager".
Auf "Feuer und Flamme" entwickelt die Band ihre Instrumentalisierung hin zu mehr Komplexität. Die Klänge und Rhythmen sind abwechslungsreicher, dichter und vielfältiger, ohne daß Bombast oder ein Klangbrei entsteht. Auch Nenas Stimme wird mit mehr Effekten intensiviert. Trotzdem bleiben Nena ihrem Sound im großen und ganzen treu, so daß sich die Songs dieser und älterer Platten problemlos durcheinander spielen lassen, ohne daß es große Brüche im Hörerlebnis gibt.
Musikalisch hält diese Platte das hohe Niveau der Vorgänger mühelos, und hält wie diese ebenfalls ein zeitloses Juwel bereit: "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" in der 7-Minuten-Version mit dem endlosen Vorspann. Für mich ist das immer gleich unbändiger Vorfreude auf das Stück.
Wie schon auf "Nena" und "?", findet sich auch auf dieser Platte kaum ein Ausfall. "Haus der drei Sonnen" ist ein schneller, hochdramatischer Popsong über die Spielsucht, noch übertroffen von "Letzte Nacht", das die Verzweiflung einer Betrogenen ("War er bei ihr letzte Nacht? - Keiner sagt mir, was ich wissen muß!") musikalisch hervorragend wiedergibt. Interessant hier die Background-Sängerin mit dem Soul und dem englischen Akzent in der Stimme.
"Feuer und Flamme" ist ein rockiges, leidenschaftliches Liebeslied, während "Ein Brief" das traurige, nachdenkliche Ende einer Beziehung beschreibt. Gegenüber der letzten Platte, "?", fällt auf, daß die Texte sich nicht mehr rein an Jugendliche wenden, sondern größere Altersspannen abdecken. Am deutlischsten fällt das auf in "Jung wie Du". Vor 20 Jahren fühlte ich mich von der ersten Strophe angesprochen, wo es heißt:
"Bitte sieh in deinen Spiegel, du bist jung, das ist doch toll!"
Heute dagegen trifft eher die zweite Strophe zu:
"Du kennst alle Regeln, alle Tricks, spielst alle an die Wand!"
"Feuer und Flamme" ist für ein breiteres Publikum gemacht, wohl in weiser Voraussicht, daß die Zeit nicht stehenbleibt und auch die Nena-Fans aus dem Jugendalter herauswachsen. Nicht nur deswegen, sondern vor allem wegen der hervorragenden Musikalität begeistert dieses Album auch heute noch.