Wie sagte einst Henry Higgins? "Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft tut es nicht." Man könnte noch ergänzen, dieser "Fettnäpfchenführer" tut es nicht. Gut, so ganz ernst mag er ja auch nicht gemeint sein, aber geht die Welt wirklich unter, wenn man das "Verbrechen" begeht, in Italien nachmittags einen Cappuccino zu trinken? Mal abgesehen davon, dass ich das auch bei Italienern schon mehrfach beobachtet habe, sollte es wohl ziemlich egal sein, ob ich vor einem x-beliebigen Barista nun unbedingt "Bella figura" mache, oder nicht. Überhaupt scheinen viele der Tips stark lokal - also römisch- gefärbt zu sein und haben mit vielen anderen Regionen, wie z.B. dem Norden Italiens, nur wenig gemein. Man könnte das Buch also allenfalls als "Fettnäpfchenführer Rom" betiteln.
Dass man Personen, die man erst flüchtig kennt, nicht penetrant nach dem genauen Gehalt oder deren Liebesleben fragt, ist eine Binsenweisheit, die weder besonders "italienisch" noch "deutsch" ist, sondern sich ganz einfach mit ein wenig sozialem Gespür von selbst erklären sollte. Dass der chaotische italienische Verkehr nur zu beherrschen ist, wenn man Verkehrsregeln als gut gemeinte Vorschläge, keineswegs aber als "Regeln" interpretiert, dass Italienier handyverrückt, mehrheitlich eitel und vielfach sehr widersprüchlich sind,ist ebenfalls weder besonders neu, noch ausschließlich italienisch. Dass viele Chefs wichtigtuerisch, kritikresistent und blasiert sind und auf absurde Formalien und Hierarchien beharren,ist auch nicht unbedingt nur ein italienisches Problem, wenngleich es im Bel paese besonders ausgeprägt sein mag. Sehr schön fand ich die Belehrung seitens des Autors im Kapitel "Wie Paul Weiss an Jacopo Trombettas Ehre kratzt". Situation: Deutscher Geschäftsmann soll italienischen Betrieb analysieren, Fehlerquellen aufdecken, Verbesserungsvorschläge bringen. Oh Himmel, der zieht das durch! Damit konnte natürlich keiner rechnen. Ergebnis: Italienischer Chef ist stinksauer, Mitarbeiter verwirrt, der Deutsche ertrinkt in Selbstvorwürfen und schlechtem Gewissen. Und nun der Rat des geschätzten Autors: "Arbeiten Sie lieber mit Komplimenten als Kritik, versuchen Sie Kritik möglichst positiv zu formulieren, vermeiden Sie persönliche Kritik, so gut es geht." Aha. Also etwa so:" Lieber Herr X, Ihr Betrieb ist der mieseste Saftladen, den ich je kennengelernt habe, aber Ihr Anzug sitzt einfach perfekt, und Ihre Krawatte war sicher eine Einzelanfertigung? Wer so ein Gespür für Mode hat, kann im Innersten wohl kein schlechter Mensch sein, also haben Sie unsere vollste Unterstützung."
Überhaupt sind viele der verschwörerisch verkauften "Insidertips" ganz gewöhnliche Hinweise, die sich in jedem guten Reiseführer, der nicht einmal aktuell sein muss,zigfach finden lassen.
Das einzige, wirklich wichtige Gebot, welches alle sogenannten Insidertips, Fettnäpfchenführer u.ä. überflüssig machen würde, wird vom Autor indes gar nicht erwähnt: Lernen Sie Italienisch, und zwar so gut und so elegant, wie es nur irgend möglich ist. Für Italiener ist es keinesfalls selbstverständlich, dass Ausländer Italienisch beherrschen, und sie sind umso erfreuter und offener, wenn es jemand dann auch wirklich tut. So verwirklichen Sie die besagte "Bella figura" am ehesten. Anerkennung, Offenheit, Interesse und gute Zusammenarbeit stellen sich in den meisten Fällen dann nämlich ganz von allein ein, auch wenn es "nur" darum gehen sollte, einen Urlaubs-oder Geschäftsaufenthalt in Italien stressfrei zu überstehen.