Es gibt diese Leute immer - und in Zeiten von Krisen umso mehr. Egal worum es geht, immer kann es nur noch schlechter werden bis hin zum wohlbekannten und vielfach propagierten Untergang unseres geliebten Abendlandes. Kommt es dann mal wirklich zur Krise, wird auf sie geschaut, als wären sie geniehafte Hellseher gewesen, die "es doch schon immer gewusst haben".
Aber es gibt keine unvermeidliche Kausalkette in den Abgrund. Menschen haben immer die Möglichkeit, das Beste aus ihrer Situation zu machen und Krisen als Chance zu begreifen. Und in den allermeisten Fällen braucht es auch keine grundlegende Neuordnung der Verhältnisse. Dank des ach so brutalen Kapitalismus haben wir auf der Welt einen Wohlstand erreicht, der zum einen bis vor hundert Jahren noch unglaublich war und zum anderen immer noch mitten in seiner Entwicklungs- und Wachstumsphase ist. Immer mehr Menschen auf der Welt lösen sich aus der Armutsfalle und nehmen Teil an der globalen Arbeitsteilung, am Welthandel und am daraus erwirtschafteten Wohlstand. Die weltweite Armut ist (von großen Teilen Afrikas abgesehen) stark zurückgegangen.
Eine solche Sicht der Dinge, die auf die positiven Errungenschaften aufmerksam macht, darf selbstverständlich nie die Augen vor den weiterhin bestehenden Problemen verschließen, die es zu lösen gilt. Aber sie hat den Vorteil, dass sie aufgrund eines gewissen Optimismus eben nicht defätistisch ist, sondern umgekehrt gestaltend, formend, handelnd, zielstrebig und mutig. In einer Welt, in der die Zukunft stets ungewiss ist und man niemals vollkommene Kontrolle über die Situationen und Ereignisse ausüben kann, kann es doch keine wichtigeren Eigenschaften geben als diese?!
So verstehe ich dieses Buch. Es beschreibt grob umrissen die Vorgänge der Globalisierung, ihre Vorteile, aber auch Nachteile und die Autoren kommen zu dem Schluss, dass unterm Strich der Nutzen der Globalisierung überwiegt und vor allen Dingen als Chance zu begreifen ist. In diesem Wettbewerb der günstigen Positionierung steht - so die Autoren - Deutschland besonders gut da. Um aus seiner ausgezeichneten Ausgangslage (die nicht vom Himmel fiel, sondern Ergebnis u.a. der Reformen Schröders war) das Beste zu machen, muss die deutsche Regierung aber weitere Schritte unternehmen: Dazu gehört es auch, mehr Bürgern die Früchte des Wohlstandes zur Verfügung zu stellen (beispielsweise durch die Einführung eines Mindeslohnes), das Sozialsystem weiter reformieren und die Europäische Integration unbedingt vorantreiben.
Ich möchte hier gar nicht zuviel aus dem Inhalt preisgeben.
Das Buch ist definitiv optimistisch und beschreibt in gewisser Hinsicht den (realistischsten) Best Case. Sich sowas vor Augen zu führen und darauf hinarbeiten, ohne in Wunschdenken zu verfallen, halte ich für richtig. Wie sinnvoll die einzelnen Vorschläge sind, kann ich nur zum Teil einschätzen. Plausibel sind sie alle. Realistisch lesen sie sich ebenfalls. Um möglichst realistische und gut recherchierte (und eben auch optimistische) Einschätzungen geht es den Autoren auch in erster Linie. Die Mühe, die sie sich hier gemacht haben und die fundierten Kenntnisse, die sie haben, sind deutlich herauszulesen.
Mein einziger Kritikpunkt ist die stark nationale Haltung. Von Menschen in einer derartigen verantwortungsvollen Position hätte ich mir eine "europäisiertere" Identität erhofft. Europa wird von den Autoren - so scheint es - als Plattform verstanden, um deutsche Interessen durchzusetzen. Das halte ich für anachronistisch und sogar durchaus gefährlich. Natürlich geht es in dem Buch eben um Deutschland und die Gesetze, die hier, in diesem Land, umgesetzt werden können; aber man hätte, wie ich finde, das Verhältnis Deutschland-EU auch weniger national und machtpolitisch darstellen können. Aber das kann man selbstverständlich auch anders sehen; schließlich bleibt die EU in dem Buch auch ohnehin nur einer von vielen Teilaspekten.
Nichtsdestotrotz ein wunderbares Buch um endlich mal diesen ganzen Untergangsszenarien und naiven "Alternativ"-Plänen von Nord- und Südeuros zu entfliehen.
Wir brauchen zur Zeit sicher kaum etwas mehr, als Optimismus und Tatendrang.