Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Rowohlt 2006.
Gegenstand des neuen umfangreichen Werkes des Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftlers Hartmut Böhme (Text mit Fußnoten 523 S.) ist zweierlei: erstens die historische Entwicklung verschiedener Begriffe von Fetisch und Fetischismus, zweitens irrationale Tendenzen in der sogenannten "Moderne". Die "Moderne" sei in vielfacher Weise von fetischistischen Praktiken im Umgang mit Waren, Erinnerungsgegenständen und politischen Symbolen dominiert und könne dadurch Rationalitätsanforderungen nicht genügen, die Böhme mit dem Begriff der Moderne verbindet. Diese These macht im wesentlichen die im Buchtitel angekündigte "andere Theorie der Moderne" aus.
Da Fetische symbolisch aufgeladene materielle Gegenstände oder "Dinge" sind, erfordere ihre Untersuchung eine Analyse des Dingbegriffs. Böhme unternimmt dies in Kapitel I und versucht mit Hilfe von Methoden der Phänomenologie aufzuweisen, wie die Dinge der Alltagserfahrung konstitutiert werden, d.h. wie die Wahrnehmung dieser Dinge zustandekommt. Kapitel II handelt von Fetischismus in den Religionen, wobei Böhme sowohl Phänomene aus dem Christentum wie auch aus Religionen nicht-europäischer Naturvölker heranzieht. Hier greift Böhme auf die Kirchenväter zurück, auf Reiseliteratur aus der frühen Neuzeit und auf verschiedene ethnologische Studien, vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Kap. III untersucht ökonomischen Fetischismus im Umgang mit Waren, wie ihn vor allem Marx mit seinem Begriff des Warenfetischismus thematisierte. Kap. IV schließlich hat Fetischismus in der Psychologie der Sexualität zum Gegenstand, wobei Böhme Freud und Lacan, aber auch neuere feministische Autorinnen referiert. In den Kapiteln zum religiösen Fetischismus, zum Warenfetischismus und zum sexual-psychologischen Fetischismus zeichnet Böhme zunächst die historische Entwicklung des jeweiligen Fetischismusbegriffes nach. Meist im Anschluß an diese ideengeschichtlichen Ausführungen versucht er zu dokumentieren, inwiefern der jeweilige Fetischismus auch in der Moderne" wirksam ist (religiöser Fetischismus im Stalin-Kult; Warenfetischismus in der Konsumkultur und in Museen; sexueller Fetischismus in Mode, Kino und Eßgewohnheiten).
Böhme gibt in seinem Buch informative Überblicke über die geschichtliche Entwicklung der jeweiligen Fetischismusbegriffe und zieht auch wenig bekannte Autoren heran, die diese Entwicklungen beeinflußt haben. In seinen Ausführungen zur Rolle des jeweiligen Fetischismus in der "Moderne" versucht er, zu einer ausgewogenen Beurteilung der "fetischistischen Mechanismen" zu gelangen. Er wendet sich dabei dagegen, im Fetischismus allein Perversion, falsches Bewußtsein, Warenverblendung" (S. 25) zu sehen, und hebt vielmehr hervor, daß der Fetischismus in modernen Gesellschaften eine integrative Funktion hat. Somit vermeidet er pauschale Verdammungen der zeitgenössischen Gesellschaft, wie sie neuerdings etwa der italienische Modephilosoph Giorgio Agamben vorbringt.
Die "andere Theorie der Moderne", das Resultat der Kulturanalyse Böhmes, ist die These der mangelnden Rationalität der zeitgenössischen Kultur im Umgang mit Waren, Erinnerungsgegenständen oder politischen Symbolen. Diese Behauptung kann schwerlich überraschen. Menschen neigen nun einmal zum Aberglauben, streben Statussymbole an und sind in Denken und Verhalten inkonsistent. Dies ist allgemein bekannt und nicht weiter informativ. Die von Böhme unterstellte Auffassung, hier handele es sich um eine überraschende, unerwartete Eigenschaft des menschlichen Verhaltens in der "Moderne", ist schlicht abwegig. Informativen Wert hätten die kulturanalytischen Ausführungen erhalten, wenn Böhme über unspezifische Beobachtungen hinaus die Phänomene von Fetischismus und Irrationalität mit quantitativen struktursoziologischen und sozialpsychologischen Fragestellungen verbunden hätte. So hätte er z.B. nach der Verteilung bestimmter fetischistischer Praktiken in unterschiedlichen Bevölkerungsschichten fragen sollen oder nach zeitlichen Schwankungen, denen Ausprägungen des Fetischismus im Verlauf der "Moderne" unterliegen. Auch hätte er versuchen sollen, die Phänomene nicht nur als Ausdruck von Fetischismus zu benennen, sondern in ihren spezifischen Ausformungen zu erklären. Solche Probleme in adäquater Weise zu bearbeiten, würde aber den Rückgriff auf empirische Theorien aus den Einzelwissenschaften und auf empirische Untersuchungen erfordern, den Böhme nicht vornimmt. Böhme stützt seine Kulturanalyse vielmehr mit mehr oder weniger zufälligen Beobachtungen, welche nicht auf systematischem, methodisch-empirischem Vorgehen beruhen.
Zudem ist die "andere Theorie der Moderne" als allgemeine Behauptung über fetischistische Praktiken nicht verbunden mit der theoretischen Analyse der psychischen Grundlagen von religiösem, ökonomischem und sexuellem Fetischismus. Sicherlich sind der Markenartikelkult, politische Rituale oder das Sammeln privater Erinnerungsgegenstände als fetischistische Praktiken prima facie sehr verschiedenartige Erscheinungen. Liegen ihnen aber auch unterschiedliche psychische Mechanismen zugrunde, oder weisen diese Mechanismen Gemeinsamkeiten auf? Böhme untersucht diese Mechanismen nicht, sondern meint nur, daß es sich bei den verschiedenen Arten von Fetischismus um heterogene Dinge handelt, und kapituliert vor dieser Vielfalt. Er sagt, der "Prozeß" des Fetischismus sei "genetisch multikausal, typologisch und phänomenologisch unendlich". Deswegen könne er nicht von einer einheitlichen Theorie erfaßt werden: "Eben dieses 'Ganze', den Super-Signifikanten, die universale Theorie gibt es nicht" (448). Wenn dies so ist, dann stellt sich die Frage, warum Böhme dieses Buch überhaupt geschrieben hat. Offenbar hat er sich von der Tatsache verführen lassen, daß das eine Wort "Fetischismus" in drei unterschiedlichen Bereichen verwendet wird, und erst zu spät ist ihm der Gedanke gekommen, daß hier keine Einheitlichkeit der Sache vorliegen könnte. Vielleicht hat Böhme, der auch über Goethe geforscht hat, sich durch dessen Wort bestätigt gefühlt:
"Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein".
Die eben bemängelten Defizite lassen sich darauf zurückführen, daß Böhme Themen behandelt, in denen ihm die erforderliche Expertise fehlt, vor allem in den Bereichen der Wirtschaftstheorie, Soziologie und Psychologie. So gibt er zwar Marx` und anderer Gedanken zum Warenfetischismus ausführlich wieder, aber es fehlt eine Analyse, welchen empirischen Gehalt diese Gedanken bei der Untersuchung moderner Volkswirtschaften, auch im Lichte neuerer Wirtschaftstheorie, haben könnten. Bizarr ist es, wenn Böhme behauptet, Müll und Abfall gehörten in Volkswirtschaften zu den "unveräußerlichen Dingen" (S. 298). Gerade in modernen Volkswirtschaften wird, wie Böhme bekannt sein müßte, mit Müll und Abfall (den neuerdings sogenannten "Wertstoffen") reger Handel betrieben. Auch kann es nicht angehen, diesen Handel mit "unveräußerlichen Dingen" einfach als eine Ausnahme abzutun (so S. 298). Handel mit Kunstgegenständen oder mit Reliquien findet auf besonderen Märkten statt, deren Struktur und Eigenart Böhme nicht analysiert. Im Kapitel über die Sexualität übernimmt Böhme Freuds Terminologie wie auch dessen Analyse frühkindlicher sexualpsychologischer Prozesse, vor allem der Ödipusproblematik, ohne je anzudeuten, wie fragwürdig die Freudschen Theorien angesichts neuerer psychologischer Erkenntnisse sind.
Verwundern muß - nebenbei bemerkt -, daß Böhme, ein Theoretiker des "kollektiven Gedächtnisses", Museen mit Medien der Erinnerung identifiziert (S. 363). Wenn die Ausdrücke "Erinnerung" und "kollektives Gedächtnis" nicht beliebig auffüllbare Worthülsen sein sollen, dann ist diese Behauptung offensichtlich falsch. Denn manche Museen dienen in keiner Weise der Vermittlung von Erinnerungen, so Museen der Naturgeschichte. Sie stellen Gegenstände zur Schau, die dem menschlichen Gedächtnis ursprünglich nicht präsent gewesen sein können, etwa Fossilien von Dinosaurierskeletten oder von Ammoniten.
In sprachlicher Hinsicht ist das Buch ausgesprochen uneinheitlich. Längere Passagen, die verständlich und relativ leicht lesbar sind (vor allem im Kapitel über den religiösen Fetischismus), wechseln sich ab mit Textstücken, die in schwülstigem modischen Jargon abgefaßt und mit der unnötigen Verwendung von Fremdwörtern belastet sind. Zwei Beispiele für Passagen der letzten Art, die für sich sprechen dürften: (1) Nachdem Böhme, wie oben zitiert, festgestellt hat, daß es keine umfassende Theorie des Fetischismus gibt, konstatiert er, daß die Suche nach einer solchen Theorie auf einen "leeren Platz" führt: "Diese Leerstelle, die auch eine Wunde, eine Abwesenheit, eine Negation, ein Loch, ein Mangel, ein Vakuum sein kann, und die alloplastische, allotrope und allonyme Form des Fetischs scheinen zusammenzuhängen" (S. 448f). (2) Böhme versucht, den sexuellen Fetischismus mit Kategorien der Rhetorik genauer zu charakterisieren.
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