Sie - Tochter und Vater - hätten den Rest des Lebens auch weiterhin gut ohne den anderen verbringen können; vermutlich, so legt das Ende des Buches nahe, werden sie genau das tun: ohne Nähe zum anderen ihr Leben leben. Zuvor jedoch haben sie für eine kurze Woche die Chance ergriffen, zum ersten Mal einander nahe zu kommen, zu sein. Ein wenig das zu inszenieren, was sie verbindet: die Verwandtschaft zueinander.
Julia hat von der Mutter und den Großeltern nur Schlechtes, Abfälliges über den Vater gehört, ihn selbst nie kennen gelernt. Die Mutter stirbt früh, die Großeltern, bei denen sie aufwächst, unterbinden den Kontakt zum Vater. Erst als sie erwachsen ist, der Vater schon ein älterer Herr, trifft sie sich mit ihm und hört in seiner Wohnung die Geschichte ihrer Entstehung, hört von der Bewunderung des Vaters für ihre Mutter und von der Banalität seines Lebens. Zwar bekommt ihre Existenz nun endlich ein Fundament, ob sie es jedoch besser machen wird, ob ihr Leben ereignisreicher und vor allem reicher an Liebe sein wird als das des Vaters, bleibt offen. Das Leben der Figuren Markus Werners ist niemals ein Hollywood-Film, eher schon leises und unspektakuläres europäisches Drama.
Markus Werners Geschichten kann man immer lesen, wenn man Appetit auf Feines hat. Seine Sprache ist präzise, oft schön, stets leichtfüßiger als der Inhalt. Die Wahrhaftigkeit seiner Figuren schont den Leser nicht, macht ihm aber auch nichts vor. So sind die Personen bei ihm immer wie Du und ich: nicht besser, nicht schlechter, nicht schöner oder hässlicher. Und weil dadurch schon auf den ersten Seiten ein vertrautes Gefühl entsteht, wähnt man sich in seinen Geschichten von Anfang an Zuhause.