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Tagtraumtanzpaar
Markus Werners Roman «Festland»
Alles Unglück dieser Welt rührt daher, dass der Mensch nicht in seinem Zimmer bleiben kann, befand Pascal was aber, wenn einer damit Ernst macht und beschliesst, ganz einfach nicht mehr rauszugehen? Wenn er, ein Tempomacher unter «Tempomachern und Trompetern», die frisch erstandene Funksolaruhr ablegt und den Schlafrock anzieht? Wenn der notorische Betriebsamkeitsidiot aufwacht aus dem schönen blöden Traum der Schneidigen und im selbst gewählten «Ruhestand» seiner Herzensödnis inne wird? Er wird im Zweifelsfall von der «Betriebsbrut» krankgeschrieben und muss sich, sofern er in der Lebensmitte ist und männlich, «von allen Tölpeln dieser Erde auf englisch rubrizieren lassen». Midlife-crisis heisst das dann.
Nun sind alle Helden des Schweizer Autors Markus Werner so plötzlich «aus der Welt gefallen», Kandidaten für ein neues Herz und ein neues Leben. Der Augenblick, wo der Alltag seine Fänge lockert und ein Vorschein letzter Fragen uns mit «Früherem» und Höherem erfüllt, ist die Initialzündung der Bücher Markus Werners. Sie sind alle altmodisch in diesem schönen Sinne. Mit Midlife-crisis hat das nichts zu tun.
Hühnerleben
Denn Werners Helden werden mit ihm älter. So ist sein jüngster Vanitas-Experte gleichzeitig sein ältester. Kaspar Steinbach, um die fünfzig und seit etwa dreissig Jahren herztot, ist ein «Durchschnittsarschloch», das ungeniert den Tageslärm vergrössert, ein Mann mit einem «Hühnerleben», der mit dem Lob des Chefs ins Bett geht und die Schule der Empfindsamkeit bereits in jugendlichem Alter abgeschlossen hat. Seither rast er auf der Überholspur durch den Alltag. Bis sich eines Tages ein kranker Hund an seine Fersen heftet, der ihn zum Herrn erkoren oder soll man sagen: ihn erkannt hat. Die Gewalt, mit der sich Kaspar Steinbach dieser Heimsuchung erwehrt, schlägt gegen ihn zurück. Er ist sich selbst begegnet. Steinbach steigt in seinen schwarzen Morgenrock und bleibt zu Hause. «Gnadenstand» heisst das bei ihm.
«Fort, aber wohin»: mit dieser Frage aller Melancholiker hebt die Geschichte an. Ein Mann bricht ab, eine Frau bricht auf auch sie in einer Krise, die einmal «reduzierter Biotonus», ein andermal «Melancholie der Erfüllung» genannt wird. Der Ort heisst Orta; «einer mit Augen hat ihn einst ein Aquarell Gottes genannt». So schön, zuweilen etwas allzu aquarellig schön, formuliert auch Markus Werner.
Allein wer jemals dort war, muss bestätigen: die Schönheit dieses Bildes trifft. Vom Festland aus erkennt man eine kleine Insel, wo nicht umsonst die heiligen Gebeine des San Giulio ruhen nichts in diesem Buch geschieht umsonst. Die Frau heisst Julia, sie ist jung und hat den Mann, in dessen Ferienwohnung sie Quartier bezieht, so gut wie kaum gekannt. Eine Woche lang hat sie ihn in seiner «Höhle» aufgesucht. Nun schreibt sie hier seine Geschichte auf, eine Art Märtyrergeschichte doch eine von der heiteren Art. Es ist auch ihre eigene: Der Fremde ist ihr Vater.
«Die Wahrheit ist, wir sollen elend seyn und sind's»: Das Lebensmotto aller Werner-Helden stammt aus dem Zitatenschatz der Pechvögel und wird ironisch intoniert. Auch Kaspar Steinbach ist so ein Elender mit Witz. Die Geschichte, die er aus dem Gedächtnis kramt und seiner Tochter ins Gemüt diktiert, könnte heissen: Das Unglück zwischen Kaspar S. und Lena Stoll oder Ein geplatzter Gummi, ein verpfuschtes Leben. Das klingt komisch und ist doch eine traurige Geschichte traurig und poetisch wie ihr Ende. «Ein Sternenpfad, ein Schneegemach und keine Weltgeräusche.» So lauten letzte Worte, «mit Bleistift hingekritzelt». Lena Stoll ist Robert Walser in den Schnee gefolgt.
Was ihre Tochter Julia zu Papier bringt, ist kein Aquarell, auch keine Bleistiftzeichnung, sondern eher schon dem Fresko abgeschaut, das ihr während ihres Orta-Aufenthaltes ans Herz gewachsen ist. Ein Wandgemälde «aus gebranntem und bemaltem Ton», untergründig schwarz wie Druckerschwärze und doch «so bunt und lebensvoll», dass man das fromme Wort vom «Gnadenstand» nicht fürchten muss.
Denn Kaspar Steinbach ist, wie alle Helden Werners, ein Virtuose der Selbstbezichtigung. Dass er dabei niemals schmallippig und weinerlich verfährt, unterscheidet ihn von den meisten Selbstzerknirschungskünstlern deutscher Sprache. Klar wird nur: hier hat einer über seine Verhältnisse geliebt.
Ein Woody Allen auf dem Dorfe. Kaspar Steinbach ist ein ungelenker Jüngling mit einer Vespa und ohne jenes Selbstbewusstsein, das Leidenschaft erst möglich macht. Lena S. ein lichtes Menschenkind mit «wolkenloser Stimme» und Überfällen von Verdüsterung. Ihr fehlt die Stimmungsmitte, das «Moderato des Gemüts», bei ihm hat es «immer nur zu einer schmalen Traurigkeit gereicht» und zu einer Heldentat im Leben. Bei einem Unfall war er so zur Stelle, wie noch niemals und nie wieder, diese Geistesgegenwart hat ihm das Adelsprädikat des «Kavaliers der Strasse» und die Bekanntschaft Lenas eingebracht. Auf ihrem ersten Liebeslager geht das Kondom kaputt. Das Ergebnis ist ein Kind und das Ende jeder Anziehung. «Bildungsarmer Bürogummi» heisst das Prädikat, das Steinbach sich inskünftig an die Brust heftet.
«Wer Überstandenes erzählt, der übersteht das Überstandene zum zweitenmal» die Einsicht des Infarktpatienten Lorenz Hatt aus Werners letztem Buch «Bis bald» geht hier in eine neue Runde. Julias Protokoll der «Vaterwoche» ist ein kleines Wunder der heilenden Erzählkunst: die Geschichte aus der «dunklen Vaterhöhle», Julias Genesis, wird in Rückblicken erzählt und hat doch den Atem einer hellen Gegenwart.
Zeitfremd schön
Denn indem Werner erzählt, geschieht etwas, das das grosse kleine Wörtchen Gnade fast verdient: Das Misslingen der einen Liebesgeschichte wird vom Gelingen einer anderen sekundiert: dem «Tagtraumtanz» der nachgeholten Vater-Tochter-Liebe. Dass er gelingt, und trotz allen Fährnissen, die dieses durchaus erotische Sujet mit sich bringt, auf eine leichte und selbstverständliche Weise gelingt, ist das Ergebnis einer poetischen Regie, die die Figuren ins Viertelprofil rückt. Die Dialoge man ist versucht zu sagen: ein Duett aus Monologen kommen aus einer Eingesponnenheit, «die anderen Gesetzen folgt als denen der Verständigung» und anderswohin zielt als auf den Verstand.
Denn ihre Melodie schlägt in den Bann, ihre Konstruktion ist feingewirkte Handarbeit vielfädig verknüpft und zeitfremd schön. So bewusst und doch geschmeidig schreibt so leicht kein zweiter. Freilich, keiner lässt es auch so merken, dass er auf Betörung aus ist. Werners eine Waffe ist die Poesie des Klangs (der Alliteration vor allem), seine andere ist die Rhetorik der Bescheidenheit. So wird der Glanz der allzu guten Formulierung stets pariert von einem Schimmer Scham, die Magie des Melancholischen von kaltschnäuzigem Witz. Und doch oder deshalb? rückt für eine kleine Leseweile auch die Welt in einen «Gnadenstand».
Andrea Köhler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.