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von Julia Alvarez
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von Mario Vargas Llosa
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Kurz vor der Ermordung des Ziegenbocks hatte die damals 14-jährige Heldin in Mario Vargas Llosas neuem Roman Das Fest des Ziegenbocks ihre Heimat verlassen. Nun ist sie zurückgekehrt, um ihren Vater Agustin Cabral, genannt "Cerebrito", zur Rede zu stellen. Immerhin war der unter Trujillo Minister und Senatspräsident, und fiel erst in den letzten Jahren des Regimes in Ungnade. Und dann sind da noch die anderen Opfer des zynischen Ziegenbocks, die plötzlich wieder eine Rolle spielen: darunter der ehemalige Leibwächter Amado García Guerero, der "der Leutnant" hieß und die große Liebe seines Lebens nicht heiraten durfte, weil sie die Schwester eines Oppositionellen war. Als makabren "Treuebeweis" musste er ihren Bruder erschießen -- und plante daraufhin Trujillos Ermordung mit.
An Hand verschiedener Schicksale entwirft Vargas Llosa das überzeugende Panorama einer Diktatur, die Namen ebenso erfand wie auslöschte und im Zeichen des Fortschritts gnadenlos über Leichen ging: "Große Übel verlangen große Lösungen", lautete dabei die perverse Parole. Eindringlich kombiniert der peruanische Autor die Biografien von Günstlingen und Revolutionären zu einer Anklage gegen ein unmenschliches Regime -- und gibt nebenbei den Opfern literarisch ihre Identität zurück. Das Fest des Ziegenbocks ist vielleicht Vargas Llosas politischstes Buch. Eines seiner besten ist es auf jeden Fall. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Mario Vargas Llosas Roman «Das Fest des Ziegenbocks»
Darf man enttäuscht sein? Nein, nicht um des Teufels Advokat zu spielen reizen zum Widerspruch doch nur schon die sich überbietenden Superlative, die Mario Vargas Llosas dominikanischem Diktatorenroman «Das Fest des Ziegenbocks» in den zahlreichen Besprechungen des spanischen Originals flächendeckend zuteil wurden (so auch in der NZZ vom 7. 9. 00). Bei vielen Stärken im Detail bleibt der Gesamteindruck, den der Text hinterlässt, diffus. Daran ändert auch der fulminante Showdown wenig, kommt hier doch eher die Wucht des Stoffes als die Kraft der Form zum Tragen. So scheint denn mit manchem Vorausrezensenten die Sehnsucht nach dem grossen lateinamerikanischen (Bestseller-)Roman durchgegangen zu sein, den man seit längerer Zeit erfolglos sucht nachdem man in den siebziger und achtziger Jahren (als Frucht vorangegangener Ignoranz) bei García Márquez, Cortázar, Fuentes und auch bei Vargas Llosa gleich reihenweise Meisterwerke entdeckt hatte.
«Das Fest des Ziegenbocks» fügt sich ein ins Genre des lateinamerikanischen Diktatorenromans. Sein Gegenstand ist die Ära des Léonidas Trujillo, der sich 1930 in einer usurpierten Wahl zum Alleinherrscher über die Dominikanische Republik erhob und über drei Dezennien hinweg ein diktatorisches Schreckensregime ausübte, bis er 1961 ermordet wurde. Als «Wohltäter» des Vaterlandes liess Trujillo unter der Sigle des Antikommunismus reihenweise politische Gegner umbringen, sackte für sich und die Seinen weite Teile der Landes ein und betrieb einen bizarren Personenkult so wurde zum Beispiel die Hauptstadt St. Domingo in Ciudad Trujillo umbenannt. Seine Sexbesessenheit trug ihm die Bezeichnung «chivo» «Ziegenbock» ein. Gleichzeitig war es Trujillo, der die von 1916 bis 1924 von den USA besetzte Republik entschuldete und sie zu einem modernen Land machte.
Monster und Macht
Vargas Llosa hat betont, es sei ihm drauf angekommen, Trujillo weder als «Dämon» noch als «Abstraktion» erscheinen zu lassen, sondern als einen Menschen, «der sich über die Anhäufung von immer mehr Macht in eine Art Monster verwandelte». Entsprechend vielfältig wählt der Autor die Perspektiven: Trujillo privat ein Ordnungsfanatiker und Genussmensch mit Minderwertigkeitskomplexen (bei der Morgentoilette schminkt er sich die negroide Schwärze aus dem Gesicht); ein alternder Macho, leidend an Inkontinenz und Impotenz, der seinen Traum von Männlichkeit an willigen jungen Frauen, aber auch an den Ehegattinnen der Getreuen auslebt. Trujillo beim Regieren ein Autokrat und Manipulator, begabt mit Charme und Kälte, Instinkt und Intelligenz, Pragmatismus und Perfidie. Trujillo in der Volksmythologie ein Mensch, der kaum schläft und nie schwitzt. Und in der Wahrnehmung seiner Feinde ein Usurpator, der die Dominikaner mit Geld, Gunst und Gewalt ihrer Würde beraubt hat.
Gemessen am Charakterisierungsaufwand, der um sie betrieben wird, bleibt die Figur des Tyrannen dennoch eher flach. «Trujillo konnte bewirken, dass Wasser sich in Wein verwandelte und das Brot sich vermehrte, wenn es ihn in den Eiern juckte», heisst es an einer Stelle, die darin symptomatisch für das Ganze inhaltlich wie sprachlich erratisch bleibt. So hat sich Vargas Llosa nicht zu jener poetischen Verfremdung entschliessen können, die den Fall Trujillo erst zum Exempel machen würde. Während der aus auktorialer Perspektive formulierte innere Monolog dem Diktator nur scheinbar eine eigene Stimme verleiht, bringt ihn der durchgängige Realismus um jene Aura, von der doch ständig die Rede ist. So erscheint Trujillo eher als Biedermann denn als Bestie (oder gar als Teufel, wie es der Titel verkündet) und seine Welt mehr als Wille denn als Wahn was auch anginge, wäre diese Banalität des Bösen tatsächlich gemeint. Stattdessen aber setzt Vargas Llosa mit hochexpliziten Folter- und Vergewaltigungsszenen derart auf Sensation, dass man ihm den Versuch einer ernsthaften Psychoanalyse der Macht schwerlich noch abnimmt.
Kompakter und gelungener nehmen sich die Figuren in Trujillos Umfeld aus, wie der Geheimdienstchef Johnny Abbes García, eine den Militärs verhasste «körperliche Null», der jedoch die Kunst des Verschwindenlassens unliebsamer Subjekte beherrscht wie keiner. Oder der «flüssige Verfassungsrechtler» Henry Chirinos, ein verhinderter Poet und Gewohnheitstrinker, der Trujillo eine Demokratie zum Eigennutz auf den Leib geschneidert hat. Sie alle überragt an Luzidität die Gestalt des Marionettenpräsidenten Balaguer, der im Machtvakuum nach Trujillos Ermordung aus seiner kultivierten Bedeutungslosigkeit erwacht und nachdem der Trujillismus entgegen der Erwartung der Attentäter keineswegs «wie ein Kartenhaus» in sich zusammengefallen ist einen Machiavellismus entwickelt, dem Höflinge des Regimes nicht gewachsen sind (geschweige denn Trujillos blutrünstige Söhne). Balaguer ist es denn auch, der die Dominikanische Republik mit einem riskanten Schlingerkurs «dialektischer» Vergangenheitsbewältigung vom Bann der Ära Trujillo sowie von der Ächtung durch die internationale Gemeinschaft zu befreien vermag.
Obwohl sich Vargas Llosa nach Kräften um Individualisierung bemüht, bleibt die Gruppe der Verschwörer amorph. Mehr als den nackten Mord in jenem Augenblick, da sich Trujillo in sein Liebesnest chauffieren lässt, bringen sie nicht zustande. Nach wenigen Stunden liegt das Komplott offen zutage, und die tödliche Hetzjagd beginnt um in den Verliesen des Regimes zu enden. Die umständliche Schürzung des Handlungsknotens, die epische Herleitung der Motive jedes Attentäters (in plakativen Dialogen und langfädigen Rückblenden beim angespannten [!] nächtlichen Warten auf Trujillos Chevrolet), findet ihre Kompensation in einem atemberaubenden Schlussteil, der durch die Spiegelung der Erlebnisperspektiven auch formal geglückt erscheint. Alle waren sie Trujillo in «hündischer Treue» ergeben, und alle drängt die Erniedrigung zum Verrat. José René Roman, der Chef der Streitkräfte, ist die abgründigste Figur dieses Komplexes. Ihn, dem beim Putsch die Schlüsselrolle zukommt, überfällt im entscheidenden Moment die Lähmung. Wie ein Aussenstehender erlebt er seine Unfähigkeit zu handeln in genauer Kenntnis um den Preis dieses Versagens. Die Ruhe, die ihm zur Tat fehlt, überkommt ihn erst unter der Folter; was als Leben in Würde gedacht war, endet in einem würdigen Tod.
Vieles im Argen
Den Link zur Gegenwart stellt Vargas Llosa durch die Figur Uranias her, die nach Jahrzehnten einsamen Exils in den USA 1996 als erfolgreiche Geschäftsfrau nach St. Domingo zurückkehrt, um dort ihren Vater Agustín Cabral zur Rechenschaft zu ziehen. Dieser war als Parteichef ein massgeblicher Exponent des Regimes, bevor ihn Trujillo aus einer Laune heraus fallenliess. Cabrals Verzweiflung geht so weit, dass er der Idee nicht widersteht, dem Diktator seine 14-jährige Tochter zuzuführen wobei dieser «Liebesbeweis» für Urania zum Lebenstrauma und für Trujillo zum Desaster seiner Männlichkeit wird. Als Leitmotiv zieht sich Trujillos Wut über die «verfluchte Nacht mit dem kleinen spröden Mädchen», dessen Identität erst im letzten Kapitel gelüftet wird, durch das Buch während der Leser den Wink mit dem Zaunpfahl freilich schon längst verstanden hat. Da der Vater durch einen Schlaganfall stumm und satisfaktionsunfähig geworden ist, gestaltet sich Uranias Abrechnung als Monolog mit einem Moribunden, doch vergibt der Autor diese reizvolle Konstellation durch Stoffhuberei, durch eine Degradierung Cabrals zur Marionette (ob er Urania überhaupt erkennt, bleibt offen, immerhin gibt er stets passende Signale von sich) und allem voran dadurch, dass er Uranias Hass die Sprache vorenthält. Was bleibt, sind Regieanweisungen: «Urania bricht in hysterisches Lachen aus. (. . .) Urania lacht so heftig, dass ihre Augen sich mit Tränen füllen . . .»
So liegt denn hier vieles im Argen. Vargas Llosa, scheint es, hat sich durch die Attraktivität des Stoffes blenden lassen und vergessen, dass gerade die klaffendsten Abgründe des Menschlichen literarisch nach mehr verlangen als nach gehobener Routine. Die Erzähltechniken folgen keinem inneren Entwurf, sondern der Logik des Ad-hoc, der Spannungsaufbau läuft so schief wie die Ästhetik des Schreckens leer, und als Leser hat man ständig das Gefühl, etwas vorgekaut zu bekommen. Am erschreckendsten aber ist bei einem Schriftsteller, den manche für nobelpreiswürdig halten, die Sprachlosigkeit. Weder Trujillo noch Urania gewinnen hier ein Profil, und die Nachlässigkeit im Ganzen setzt sich fort in schludrigen Details wie: «Begann ihn [Trujillo] sein Gedächtnis genauso im Stich zu lassen wie sein Schliessmuskel? Scheisse. Die beiden Dinge, auf die er sich in seinem Leben am meisten hatte verlassen können, gerieten ihm jetzt (. . .) ausser Kontrolle.» Oder (Urania im Selbstgespräch): «Dann lässt du sie [die Männer] diese polare Kälte spüren, die du auszustrahlen weisst, wie der Skunk seinen Pestgestank, mit dem er die Feinde in die Flucht schlägt.» Ein neuer «Herbst des Patriarchen» mag Mario Vargas Llosa vorgeschwebt haben, was er aber in Szene gesetzt hat, gleicht eher seinem eigenen Herbst als Grossschriftsteller.
Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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