Was erwarten Leser vom Untertitel "Insider-Strategien zur Jobsicherung"? Ich erwarte, in einem solchen Buch Tipps, Ratschläge und Verhaltensregeln zu finden, wie ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, nicht als Erster meinen Arbeitsplatz verlassen zu müssen. Darum geht es laut Vorwort auch Jens-Uwe Meyer. Und weil er nicht nur Polizeikommissar, Reporter, MBA-Absolvent und Programmdirektor eines Radiosenders war, sondern bei einer Umstrukturierungen ein Viertel der Arbeitsplätze abbauen musste, nahm ich an, das Versprochene zu finden. Doch Jens-Uwe Meyer setzt die Gewichtung so, dass es in seinem Buch zum größten Teil darum geht, sich ein wirkungsvolles Frühwarnsystem für Firmenkrisen anzueignen. Aus verschiedenen Gründen glaube ich, dass er mit dieser Aufgabenstellung seine Leser überfordert und sie in eine Sackgasse führt. Außerdem scheint mir diese Gewichtung alles andere als logisch, wenn der Autor immer wieder daran erinnert, dass heute ohnehin kein Arbeitsplatz mehr sicher sei. Wieso sollen sich seine Leser dann in Disziplinen üben, für die es normalerweise viel Knowhow und noch mehr Erfahrung braucht?
Ziel ist es jedenfalls, dass der Leser am Schluss des Buches den Meyer''schen Überlebenskompass bekommt, der ihm genau anzeigt, wie sicher sein Arbeitsplatz ist und mit welcher Strategie er am ehesten dort bleiben kann. Das klingt alles sehr gut. Doch glaube ich nicht daran, dass die Leser mit den zwölf Minitests in der Lage sein werden, den Kompass zu richten. Selbst wenn ich meine grundsätzlichen Bedenken gegen Fragebögen ausblende. Alle Tests sind nach dem gleichen Schema aufgebaut: Fünf Fragen, denen man zustimmen kann oder nicht ' und schon weiß man Bescheid. Mit Verlaub, das ist schon beinahe Scharlatanerie. Nehmen wir als Beispiel gleich die erste Standortbestimmung, den Branchentest. Die fünf Fragen lauten da: "1. Der Markt, in dem unsere Firma tätig ist, ist gesättigt. Es gibt kaum noch neue Kunden. 2. Es kommen ständig neue Anbieter in den Markt, die uns Marktanteile abnehmen. 3. Die Kunden sind nicht mehr so treu wie früher. 4. In unserer Branche tobt ein gnadenloser Preiskampf. 5. In einigen Jahren wird es in unserer Branche voraussichtlich weniger Anbieter geben als jetzt." Nun überlegen Sie mal schön und setzen dann ein Kreuz bei "Stimme ich zu" oder bei "Stimme ich nicht zu". So, nun wissen Sie, wie es Ihrer Branche geht und haben den Kompass bereits zu einem Zwölftel gerichtet. Was bei einem üblichen Kompass die Himmelsrichtungen sind, heißt bei Meyer "Die Kollegen", "Die Kultur", "Ihre Position", "Ihre Firma"...
Mein Fazit: Wer davon ausgeht, die Jobsicherung lasse sich strategisch planen, indem man zum analytischen Tausendsassa wird, hat seine helle Freude an dieser Gebrauchsanleitung. Wer punkto Aneignung spezifischer Analysefähigkeiten skeptischer ist als der Autor, wird mit diesem Buch kaum glücklich.