"Fernsehen wider die Tabus" lässt sich in etwa so zusammenfassen, dass das vermeintlich Unanständige das US-Kabel(!)-Fernsehen von heute offen legt eher in dessen ökonomischen Zwängen, welchen es unterliegt, zu (suchen und zu) finden wäre. Die Masse giere nämlich nach Sex und Gewalt, also bekäme sie sie auch serviert. Alles so wie gehabt also - die bekannten "kulturkritischen" Stereotype aus Deutschland, wo sich die populäre Kultur bekanntlich in den 1930er Jahren etabliert hat und diese Ami-Geschichten dementsprechend immer noch als Fremdkörper betrachtet werden.
Dazu braucht das niemand lesen.
Würde ein englischsprachiges Feuilleton etwa nicht so in sozialen Abgrenzungen umgedreht werden, dass plötzlich die welche für das Fernsehen dort wären, darin schreiben würden, plötzlich gegen den Film (und alles andere?) aufzutreten imstande sein würden, und sich "Kulturkritik" gerade daran entzünden - dass eben diese Sprechenden vom (neuen guten) Fernsehen geblendet worden wären. Einem Fernsehen das heutzutage (eben nur angeblich) für Gebildetere vorhanden wäre.
Der "kritische" Impetus gegen Sex und Gewalt ist in deutschen Zeitungen ja nach wie vor vorhanden, das heißt noch immer ungebrochen: selbst eine verhältnismäßig so biedere Euro-Produktion wie "Borgia" war da bei Zeiten und Leibern ja schon zuviel - während melodramatisierende Degeto-Produktionen und Versionen weiterhin bereitwillig aufgenommen werden.
Obwohl ich inhaltlich weitgehend zustimme, dahingehend, dass zumindest Kontroversen wie um Miike's "Imprint" - wie immer beim Thema "Zensur" - ein eigenes System weiterhin veranschaulichen, so kann ich dieses unumwundene Misstrauen welches einem Massenpublikum da entgegen gebracht wird doch keinesfalls teilen. Weder das, noch diese Denkweise immer nachvollziehen. Darüber hinaus ist Kabelfernsehen schon länger präsent als es der Band eindringlich veranschaulicht. Lange vor den "Sopranos" gab es die "Larry Sanders Show", entsprechendes Network-Television und ebenso syndizierte Shows haben eigentlich immer Mittel und Wege gefunden Grenzen zu umgehen, wenn sie sie schon nicht überschreiten durften. Auch in den letzten Jahren: das "frak" aus "Battlestar Galactica" wurde ebenso zu einem geflügelten Wort wie die thematischen Sprachspiele in "Buffy" oder "Firefly" durch Regeln nicht verhindert. Wobei populäre Kultur immer Grenzen überschreitet, aber darum soll es hier - so meine Überzeugung - auch weniger gehen, als vielmehr darum lieber bürgerliche Sehgewohnheiten wie sie im deutschen Fernsehen praktisch ausschließlich anzutreffen sind, zu verteidigen. Das Stereotyp vom Ami-Fernsehen, das von Sitcoms mit Lachschleifen oder (auch) Krimis, kann nämlich wahrlich kaum mehr aufrecht erhalten werden, auch wenn ich zustimmend glaube, dass zwischen "Six Feet Under" und "Dallas", "Sex And The City" und "Melrose Place" die Unterschiede so groß nicht sind - bei Letzerem sogar personell nicht vorhanden - so sind im deutschen Fernsehen MörderInnen wie "Dexter" als HeldInnen doch weiterhin (auch) nicht möglich. Nicht einmal unbedingt Krebskranke, schon gar nicht wenn sie aus Familienalltagen kriminell ausbrechen. Das würde die KJM (und das KFN) schon zu verhindern wissen. Dafür werden immer und immer wieder die Bösen einer vermeintlichen Gerechtigkeit zugeführt, ob in privaten Autobahn-Märchen oder an öffentlich-rechtlichen Tatorten.
Der Band drückt in erster Linie wohl eines aus: die Erfahrung oder besser den Kulturschock, dass das US-Fernsehen umso vieles vermeintlich besser macht, oder kulturell zumindest etablierter geworden ist. Und das, der Ton, diese Musik, möchte sich halt unterschwellig verboten werden.
Nicht nur die A-List-Actors und Actresses von früher spielen heute begeistert in Fernsehproduktionen mit: Fernsehen ist was Großes geworden, in (US-)Fernsehen ist, ja, viel Geld drin, Fernsehen wird aber auch weniger zeitraubend gemacht. (US-)Fernsehen ist heute vielfältiger als früher.