"Fernliebe" hat genauso wie "Die Risikogesellschaft" die Chance zum Standardwerk für alle soziologisch und psychologisch interessierten Menschen zu werden.
Die leichtflüssigen Ausführungen von Ulrich Beck und seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim beschreiben die Entwicklung der Menschen im globalisierten Zeitalter, die veränderten Partnerschaftsmodelle über religiöse, nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg und die anderen Herausforderungen, die sich durch neueste Entwicklungen auf dem medialen Kommunikationssektor ergeben. In zehn Kapiteln mit kleinschrittigen Untergliederungen setzt sich das "Soziologie-Paar" damit auseinander, wie sich sogenannte Normalfamilien zu Weltfamilien verwandeln, wie die Reprodutionsmedizin sich auf die Familien auswirkt und wie auch der Weltmarkt das Familienleben massiv beeinflusst. Dabei fliessen immer wieder Zitate und Beispiele aus der Praxis ein sowie im angemessenen Maß statistische Daten; so würden nach aktuellen Studien "bei den 30 bis 50-Jährigen ein Drittel aller Kontaktaufnahmen, die zu einer Partnerschaft führen, über das Internet erfolgen." (S. 67) Die wachsende Mobilität sowie die unendlichen Kontaktaufnahmemöglichkeiten der Menschen durch Internet, Handy, usw. verändere die Partnerschaftsstrukturen von Beginn an erheblich. Die neuen Formen von Intimität, Liebe und Familie sowie alle Arten von Fernbeziehungen, von Kontinente und Kulturen verbindenden Ehen, skype-gestützten Liebesbeziehungen werden analysiert und so zum Begriff der Weltfamilien geführt.
Kinderwunschtourismus und globale Patchwork-Familien sind hierbei nur zwei der vielen Schlagwörter, welche Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim verwenden, um die unweigerliche Verflechtung von Familien weltweit zu beschreiben.
Die immer wieder andere Fokussierung auf unterschiedliche Aspekte wirkt sehr frisch und verstärkt den Eindruck, dass den "Weltfamilien" die Zukunft gehören wird.
"Je mehr Migrationsströme zunehmen, je bunter und gemischter die Bevölkerungen werden, je mehr mit Hilfe der neuen Kommunikationsmedien die fernen und fremden Welten überall gegenwärtig sind, desto direkter treffen die Weltreligionen und die individualistischen Werte der Moderne aufeinander..." (S. 242).
Und davon werden auch Frauenrechte, Arbeitsmodelle, (biologische und soziale) Abstammungen uvm. betroffen sein. Von der Rechtschreibung her werden manche Leser/-innen irritiert sein über die Verwendung des "ß" anstelle des "ss" zum Beispiel bei "dass". Dennoch ist das Buch im Gesamten eine herausragende Analyse, die auf einer gründlichen Recherche, einem intensiven Fach- und Sachliteraturstudium (15 Seiten Literaturverzeichnis!) und einer bezeichnenden persönlichen Beobachtungsgabe beruht, die durch eine phänomenal gute Ausdrucksweise für einen weiten Kreis verständlich vermittelt wird. Mögen nicht nur Interessierte aus Soziologie, Psychologie und Pädagogik dieses Werk lesen, sondern auch die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sich mit den Erkenntnissen und Vorschlägen gründlich auseinandersetzen. Fernliebe ist ein soziologisches Meisterwerk, das von einer enormen Kultursensibilität geprägt ist!