Ferngläser sind für viele an der Himmelsbeobachtung interessierte Menschen das erste optische Hilfsmittel und auch nach dem Einstieg ein unentbehrlicher Begleiter. Doch es ist nicht einfach, sich im großen Angebot unterschiedlicher Modelle zu orientieren, ein für den eigenen Bedarf geeignetes Glas herauszufinden oder die Qualität und Eignung eines bestimmten Glases zu beurteilen.
Ist man dann im Besitz des Fernglases, fragt man sich neugierig, welche lohnenswerten Ziele denn damit zu sehen sind.
Diesen wichtigen Themen hat Lambert Spix im "Fern-Seher" seine volle Aufmerksamkeit gewidmet. Derzeit ist das Buch praktisch konkurrenzlos im deutschsprachigen Markt, denn ältere Bücher zum Thema sind entweder nur noch antiquarisch erhältlich oder seit Jahren angekündigte Neuauflagen werden immer wieder auf unbestimmte Zeit verschoben.
Im Technik-Abschnitt erfährt man interessante Einzelheiten zur Geschichte der Ferngläser, die natürlich im Kontext der Entwicklung des Teleskops und anderer Sehhilfen dargestellt werden. In der Gegenwart angekommen, erläutert das Buch dann sehr detailliert und reichhaltig illustriert, welche Konstruktionsmerkmale bei Ferngläsern vorliegen, worin also wichtige Unterschiede bestehen. Porro- oder Dachkantglas, Glassorten, Vergütung, Eigenschaften der Okulare sind ebenso Themen wie teilweise nützliche, teilweise auch exotisch anmutende "Features" die es bei Ferngläsern so gibt (integrierte Entfernungsmesser, Kompass, ...). Besonders gut gefallen hat mir die ausführliche Darstellung optischer Fehler, die durch anschauliche Bilder illustriert sind. Man wird dadurch sensibilisiert, worauf man beim Antesten eines Glases achten sollte (Randunschärfe, Farbfehler, Bildfeldwölbung, Reflexanfälligkeit und Bildkontrast). Auch auf die diversen Kennzahlen zur Leistungsbeschreibung der Optik wird ausführlich eingegangen. Bei allen Themen bleibt der Stil verständlich und angenehm zu lesen.
Anschließend schlägt der Autor Fernglastypen (keine konkreten Modelle, aber Öffnung, Vergrößerung oder wünschenswerte Eigenschaften) vor, die sich für bestimmte Einsatzzwecke wie z.B. Sport, Tierbeobachtung oder auch Astronomie besonders gut eignen. Wer noch gar keine Idee hat, was für ein Glas es denn werden könnte, hat damit sicher einen guten Ausgangspunkt, um einige Modelle in die engere Wahl zu nehmen, die dann den Tests aus dem ersten Abschnitt unterzogen werden können.
Manche Ferngläser sind nicht mehr aus freier Hand zu gebrauchen. Also gibt der Fern-Seher auch Tipps, wie man mit einem einfachen "Besenstiel-Stativ" oder auch professionelleren Lösungen in den Vollgenuss der optischen Leistung des Glases kommt. Gerader Einblick, Winkeleinblick, Spiegel, bildstabilisierte Gläser oder die Möglichkeiten der Stative werden hier vorgestellt. Die Parallelogramm-Montierung ist in einem kleinen Bild zu sehen und wird als nützlich gelobt. Würde hier noch eine Bauanleitung oder eine Skizze mit Stückliste für so eine Apparatur stehen, wäre dies das Sahnehäubchen des Kapitels gewesen. Doch auch ohne dies ist hier der Text viel ausführlicher und tiefergehend als in der mir bekannten englischsprachigen Literatur zu den binoculars.
Den letzten, langen Abschnitt des Buches werden vor allem die Astronomiebegeisterten lieben. Hier wird eine solide und repräsentative Auswahl von fernglasgeeigneten Beobachtungsobjekten vorgestellt. Natürlich sind darunter die guten alten Bekannten, die man einfach gesehen haben muss. Aber auch die eine oder andere "Herausforderung", mit der man versuchen kann, was mit dem eigenen Glas und unter dem eigenen Himmel geht. Highlight des Beobachtungskapitels sind die äußerst realitätsnah gestalteten Okularanblicke der Objekte, also Grafiken, die einen Eindruck von dem vermitteln, was einen bei der Beobachtung erwarten wird. Das ist praktisch, denn gerade Einsteiger haben oft keine klare Vorstellung davon, wonach man überhaupt suchen sollte und wie groß das Objekt im Stern- bzw. Gesichtsfeld wohl aussieht.
Fazit: wer sich aus irgendwelchen Gründen mit der Absicht trägt, ein Fernglas anzuschaffen oder "alles" über schon vorhandene Gläser erfahren möchte, dem kann dieses Buch nur wärmstens empfohlen werden. Lambert Spix hat ein neues Standardwerk in deutscher Sprache vorgelegt, das mich nicht nur beim Durchlesen begeistert hat, sondern auch beim Nachschlagen in Zukunft gute Dienste leisten wird. Vielleicht muss ich wirklich mal kleinere Reparaturen an einem Fernglas vornehmen - sogar das ist beschrieben. Verbesserungspotential (allerdings ohne Dringlichkeit) sehe ich lediglich beim Umfang des Beobachtungsteils: man wünscht sich einfach mehr davon, denn bei der Qualität des vorliegenden Materials ist das wohl ganz normal :-)