Lou Andreas Salome schreibt diese beiden Novellen um die Jahrhundertwende, nach einem langen Aufenthalt in Paris. Beide Novellen behandeln das Thema der modernen Frau, die sich in einem Zwiespalt befindet, sobald sie versucht, wie ein Mann zu leben, oder schon dann, wenn sie nur ihre Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte zu leben beginnt. Beide behandeln die Frage nach dem Wesen der Liebe in einer sich verändernden Gesellschaft.
In der ersten Geschichte, "Fenitschka", geht es um eine junge Russin, die nach einem langen Studium endlich zu leben beginnt und nun versucht, das Wesen der Liebe zu ergründen. "Liebe bedeutet für mich, Frieden zu finden" erklärt sie einem Vertrauten. In einer heimlichen Romanze meint sie, dieses Ideal endlich gefunden zu haben. Als die Romanze aber langsam aufgedeckt wird, werden ihr die Lügen und Heimlichkeiten zur Qual, und als der heimliche Geliebte gar versucht, sie mit Hilfe eines Heiratsantrages offiziell an sich zu binden, wird ihr die Natur dieser Liebe plötzlich offenbar, und, vor sich selbst erschreckend, flieht sie. Deutlich erkennen wir in dieser Geschichte autobiographische Züge.
Die zweite Erzählung "Eine Ausschweifung" handelt von einer jungen Künstlerin, die, nachdem ihr Verlobter Benno sie aus der Verlobung freigibt, in Europa ein neues Leben beginnt und langsam sich selbst finden lernt. Die Zurückstoßung durch Benno, der ihr Leben kontrollierte und den sie bedingungslos liebte, wird sie nie ganz verarbeiten, bis sie ihn, Jahre später, bei einem Besuch, wiedersieht. Er hat die Jahre über auf sie gewartet, hat sie, wie sie nun erfährt, freiwillig gehen lassen, um ihrer Entwicklung willen.
Den neuen Benno aber, der sie nicht mehr kontrolliert, der eigentlich nie kontrollieren wollte sondern der eine freie Frau suchte, diesen kann die Künstlerin nicht lieben. Und unter diesem Bekenntnis, erst unter dieser Einsicht, leidet sie.
Deutlich sehen wir auch hier die erschütterte Lou vor uns, die auf der Suche nach dem Wesen der Liebe ihr Ideal einer geistigen Einheit in der Schwebe sieht und daran zu zweifeln beginnt.
Zwei wunderbare Geschichten, die Lous Entwicklung und die Gedanken einer Frau um die Jahrhundertwende widerspiegeln - aber mehr als das: eigentlich stellen beide Geschichten eben einfach nur jene Frage nach dem Wesen der Liebe in einer sich wandelnden Gesellschaft - eine Frage, die heute noch genauso schwierig ist, die keine der Geschichten zu beantworten sucht, für deren Beantwortung dem Leser aber viele neue Gedanken bereitgestellt werden. Deswegen unbedingt lesenswert.