Dieses Buch erzählt vom Leben der Constance Fenimore Woolson (1840-1894). Eine unabhängige Frau, die sich doch der Realität schmerzlich bewusst war: dem Dilemma modernen weiblichen Lebens, wie sie es in einem Gespräch mit Henry James nennt. So machte es Constance zum Beispiel "rasend", dass ihr Neffe Sam Mather ihre Finanzen regelt, dem Usus der damaligen Zeit folgend, muss sie es jedoch akzeptieren. "Wir haben die Freiheit, zu denken, zu begehren, aber nicht die Freiheit zu handeln." (S. 57)
Mit 40 Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, wagt sie den Schritt über den Atlantik. Zu diesem Zeitpunkt galt sie als erster "weiblicher Regionalautor" der USA. Eine heimatverbundene Dame. Als sie im Dezember 1879 in See stach, wusste sie noch nicht, dass sie Amerika nie mehr wiedersehen sollte. Den Rest ihres Lebens würde Constance in England, Frankreich, der Schweiz, und vor allem in Italien verbringen. Mit ein Grund für Ihren Wunsch zu reisen: ihre Begeisterung für den schreibenden Landsmann
Henry James.
Ihr erstes Ziel: London. Um sicherzustellen, dass die Kontaktaufnahme mit dem berühmten Henry James gelingt, war Constance zuvor nach Cooperstown gereist, um ein Empfehlungsschreiben von seiner Cousine Henrietta Pell-Clark zu erlangen. Cooperstown, die Heimat von James Fenimore Cooper, dem Großonkel mütterlicherseits, der unter anderem den
Lederstrumpf geschaffen hatte. Aber Ach, Henry James war nicht in London, sondern in Paris! Wohlan, unsere Heldin zögerte nicht, um in Paris festzustellen, dass der berühmte Amerikaner nach Florenz weitergezogen war. Dort endlich, sollte es Constance durch eine List gelingen, den angebeteten Schriftsteller zu treffen: ihr Großonkel als das "lebende Bindeglied zur literarischen Pionierzeit Amerikas" erfüllte seinen Zweck und endlich, endlich traf sie ihren Helden! Der Auftakt zu einer ungewöhnlichen Freundschaft.
Man sah sich, man traf sich, Henry James verbrachte gar einige Zeit in ihrem Haus Bellosguardo in Florenz. Und wenn sie weiter entfernt von einander waren, so schrieben sie sich. Dabei waren die beiden durchaus von unterschiedlichem Naturell. Constance geht gerne spazieren oder wandern, liebt die Natur. Abendgesellschaften sind ihr ein Gräuel. Lieber führt sie ein einziges echtes Gespräch mit einem Freund. Harry hingegen lebt auf in der Gesellschaft anderer. Constance verehrt die Stoiker, reist mit einer Epiktet Ausgabe und hat immer das passende Epiktet-Zitat parat. Sie hat ihren Tagesablauf rigoros durchgeplant, versucht immer ihr tägliches Schreibsoll zu erfüllen. Vor allem verdient Constance mit ihren Werken anständig, etwas das Harry nicht vergönnt ist, und das offensichtlich bei ihm auch Neid erzeugt. Die Fortsetzungsromane und Skizzen von Constance kommen bei den Lesern von Harpers gut an, wohingegen nicht jeder von Harrys Romanen trotz seiner literarischen Klasse von der Kritik wohlwollend betrachtet wird.
Bezeichnend für die Beziehung der beiden war die Tatsache, dass Constance ihre gesundheitlichen Sorgen vor dem Freund verbarg. All die Jahre suchte sie einen Arzt nach dem anderen auf. Probleme mit den Ohren, diese unsäglichen Schmerzen im Kopf, die sie immer wieder peinigten. In der Welt des Henry James hatte dies jedoch keinen Platz. Sie trafen sich auf der Ebene der Literatur, erzählten einander von ihrer Arbeit, diskutierten Handlungsabläufe, Aufbau, auch die Bedeutung des Seelenlebens der Figuren, und sie schickten sich das Endergebnis zu.
Ein Ereignis jedoch sollte der Anfang vom Ende sein. Als Constance eines Tages in Bellosguardo Harry zusammen mit einem jungen Italiener bei einer nicht jugendfreien Beschäftigung beobachtet, erzählt sie dem Freund davon. Er reist prompt ab. Später dann während eines Aufenthaltes der beiden am Genfer See fühlt er sich gezwungen ihre Diskretion durch einen Heiratsantrag zu erlangen. Den Constance natürlich ablehnt. Eine auf Lügen gegründete Beziehung? Nein, das wollte unsere Heldin nicht. Noch immer liebte sie ihn, aufgeben konnte sie ihn nicht, und doch, sie wurde misstrauischer. Und nicht nur wegen Harrys Wunsch, sie möge seine Briefe verbrennen, oder doch zumindest testamentarisch dafür Sorge tragen, dass dies nach ihrem Tode erledigt werde.
Das Buch endet mit dem Tod von Constance. Ein Selbstmord. In Venedig. Elizabeth Maguire erklärt diese Tat mit dem Gehirntumor, der kurz zuvor diagnostiziert worden war. Unheilbar. In wie weit dies den Tatsachen entspricht vermag ich nicht zu beurteilen. Ebenso wenig wie ich sagen kann, was aus dem Buch wahr, und was Fiktion ist. Leider fehlt ein Nachwort, in dem dies erklärt wird. Die Autorin selbst ist kurz nach Veröffentlichung dieses Buches an Krebs gestorben. Elizabeth Maguire wurde 47 Jahre alt. Fünfundzwanzig Jahre davon verbrachte sie als Herausgeberin und Lektorin. Ihre Spezialität lag auf dem Gebiet der Geschichte, der Theologie, Sachbücher.
Weitere bekannte Personen, die häufiger in Erscheinung treten, sind der Lincoln-Sekretär und spätere amerikanische Außenminister
John Hay sowie
Clarence King. Am Rande erwähnt werden die
Brownings, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einige Zeit in Florenz verbrachten.
Mein Fazit: Als Roman eine angenehme Lektüre. Gut geschrieben, leicht lesbar. Den Wahrheitsgehalt kann ich nicht beurteilen. Constance Fenimore Woolson berichtet als Ich-Erzählerin, und somit liegt der Schwerpunkt des Buches eindeutig auf ihrer Person. Vermisst habe ich weitergehende Analysen der Bücher von Woolson oder Henry James. Zum Beispiel hätte man der Frage nachgehen können, welche der literarischen Figuren der beiden Schriftsteller Züge des jeweils anderen tragen. Ebenso ist das Zeitgeschehen ausgeblendet.