Ich bekam das Buch erst zehn Jahre nach Erscheinen in die Hände und fand einige Punkte in der Darstellung gewagt. Ich las es wieder und wieder und glich es mit den Werken von Conrad Ferdinand Meyer ab, die ich bis dahin nur zum geringen Teil kannte - und fand Bungerts kühne Herangehensweise überraschend bestätigt.
1994 wirkten viele der Aussagen wahrscheinlich provokant, da die Literaturwissenschaft einige den inneren Menschen betreffende Bereiche, etwa das Erotische, eher tabuisiert. Das tut sie auch heute noch, aber die gesellschaftliche Entwicklung ist inzwischen soweit vorangeschritten, daß an Bungerts Analyse schwerlich mehr Anstoß zu nehmen ist.
Das Buch ist ausgesprochen prägnant geschrieben, spannend aufgebaut und steht raffiniert zwischen Kunst- und Wissenschaftsprosa. Als hätte der Verfasser zeigen wollen, daß Wissenschaft und Kunst Geschwister sein können - als habe er seinen Gegenstand, Meyer, nicht nur in dem, was er sagt, sondern auch in der Form, wie er es sagt, einzufangen versucht. Das Buch entwickelt eine bedeutende wahrnehmungspsychologische Aussage und orientiert sich hierin ausdrücklich und mit Erfolg an Meyer selbst.
Wie dessen Werk, wenn man es denn so zu lesen beginnt, wie es hier angeregt wird, wird auch Bungerts Studie zu einer Schule in differenziert Denken, aufgeklärt, frei von Geschmäcklertum und Ideologie.
Insbesondere werden dem Leser einige eingeflochtene psychologische Sichtweisen erinnerlich bleiben, die er so kaum vorgedacht haben dürfte, die aber plausibel einleuchten, plausibler als zum Beispiel die vielen irgendwo an Sigmund Freud orientierten breiten Darstellungen über frühkindlichen Einfluß von Eltern etc. bzw. von literarischen Vorbildern auf ein Werk. Und das Interessante: diese Sichtweisen erscheinen aus der virtuosen Kenntnis des Schaffens von Meyer selber abgeleitet. Schlagender läßt sich die zeitlose Modernität dieses Dichters aus dem 19. Jahrhundert kaum zeigen.
Lektorenseits scheint Bungert nicht gut beraten gewesen zu sein. Das führt zu den zwei einzigen wirklichen Einschränkungen, die an dem kompakt und handlich gemachten Buch anzubringen sind:
1. Der Buchtitel selber, der auf ein bekanntes Gedicht Meyers anspielt, hätte entzerrt werden müssen, um die Orientierung zu erleichtern.
2. Der Schlußabschnitt des Buches ist mit "Anhangkapitel" fehlerhaft überschrieben. Er ist wohl zunächst in einem anderen Ton gehalten - als eine Art Lektüreprotokoll, das man als Leser am besten mit Meyers Gedichten in der Hand Schritt für Schritt durchgeht -, dann aber schlägt er den Bogen zurück und bietet genau das, was der Verfasser bis dahin verweigert hatte: eine Zusammenfassung seiner Gedanken.