Es beginnt hammerartig mit dem Titelsong: Lizz Wright orakelt ihn geradezu mit einer Stimme, die mit den ewigen Größen des Genres mithalten kann, wie geschaffen für Blues und Gospel. Eine grandiose Mischung aus Gospel und Rhythm'n'Blues. Da stört auch das etwas zu opulente Arrangement nicht allzu sehr, obwohl der Song mit weniger gutgemeintem Beiwerk noch intensiver wirken würde (bei mir zumindest).
Hammerartig geht's weiter; das ganze Album gewinnt mit jedem Anhören: "(I've got to Use My) Imagination", "I Remember, I Believe", "God Specializes" -- Lizz Wright kokettiert hier nicht mit dem Stil der Altvorderen, erliegt nicht der Versuchung, haargenau so klingen zu wollen wie Rosetta Tharpe oder Mahalia Jackson, sondern sie beamt den Stil überzeugend und ohne Effektheischereien in die Gegenwart -- manchmal. Manchmal wiederum singt und arrangiert sie ihre Songs so archaisch, wie man sie nur singen kann, und auch das gelingt ihr: Das über acht Minuten lange ekstatische "Gospel Medley" -- eine Punktlandung in des Zuhörers Herz. Und damit nicht genug; so schnell geht ihr die Luft nicht aus: "Sweeping through the City" macht da weiter, wo das Medley aufgehört hat, mit der selben Klasse und der selben Stimmgewalt.
Hier zeigt sich Lizz Wright von ihrer besten Seite, singt intensiv, die Songs sind zurückhaltend instrumentiert und entfalten eine Wirkung, die ihresgleichen sucht und so oft nicht finden dürfte. Wer hier das Sagen beziehungsweise das Singen hat, ist klar. Band und Background-Chor haben verstanden, machen ihre Sache brillant und halten sich zurück, und zwar ohne falsche Bescheidenheit, egal ob klassisch, beispielsweise in "I Remember, I Believe", oder mit instrumentalem Zeitlupen-Rap in "Imagination". Und der Pianist, der das Beinahe-a-cappella Intro von "God Specializes" veredelt, hat sich allein damit bereits das Eintrittsbilett in den Olymp erspielt.
Eine etwas andere Variation über das Thema Gospel gefällig? -- Bitte sehr: Das rhythmisch-afrikanisch angehauchte "All the Seeds" -- gekonnt, und ein kleiner Überraschungseffekt nach einigen klassischen Gospels, auch eine Ankündigung auf "Oya". Man sollte sich möglichst lange festhalten und -hören an "All the Seeds", denn danach kommen drei Songs aus der musikalischen Rumpelkammer: "Presence of the Lord" -- schön gesungen, gefällig arrangiert, so in der Art hat man das schon öfter, zu oft schon gehört. Warum tut sie sich das an, zudem mit diesem aufdringlichen instrumentalen Overkill im Hintergrund? Der für Musik zuständige Gott war jedenfalls gerade abwesend, als das aufgenommen wurde. Ähnliches gilt für "In from the Storm" -- so eine Art musikalische Unentschlossenheit, weder Fisch noch Fleisch: Wollte Lizz Wright da einen alten Gospel aufpolieren, aber nicht allzu sehr, oder wollte sie einen Rap gospelisieren? Singen kann sie, ihre Bandmitglieder können auch alle was, allen voran der an der Slide-Guitar, aber das Ergebnis ist leider perfekt gespielte Beliebigkeit. Und "Feel the Light" ist nur was für die gepflegte Aufzugbeschallung.
Hätte Lizz Wright "Presence of the Lord", "In from the Storm" und "Feel the Light" diskret unters Mischpult fallen lassen! Hätte sie direkt nach "All the Seeds" das phantastische "Oya" und das eindringliche Schlusswort "Amazing Grace" losgelassen -- ja, dann wär's ein Gospel-Album de luxe geworden, zwischen zeitloser Klassik und souveränen Anleihen in der Gegenwart oszillierend, mit maßgeschneiderten Rhythm'n'Blues- und Afrika-Anklängen.
Aber auch so ist's ein wunderschönes Album geworden.